Loose-Loose-Systeme und ihre Opfer: Die Menschen in Südamerika, Landwirte in der EU und das Klima, also wir alle.

Bei der letzten Wir haben es satt-Demo in Berlin Anfang des Jahres 2020 stand auch ein Brasilianer auf der Rednerbühne, der die Teilnehmer eindringlich bat, doch das Mercosur-Abkommen zu verhindern. Das hat viele Teilnehmer*innen emotional berührt, vielleicht nicht nur aus Solidarität mit den betroffenen Menschen in Brasilien: Die Anwesenden waren sich wohl auch bewusst, dass es keine getrennten Welten mehr gibt, dieses Abkommen also auch sie trifft. Es gibt kein außen mehr auf der Erde, Brasilianer und Europäer teilen dieselbe Atmosphäre.

Mercosur? Die Überschrift eines Spiegel-Reportage zu diesem Thema lässt schon mal aufhorchen: Gewinner sind Südamerikas Rinderbarone heißt es da. Abkommen werden geschlossen, weil damit Win-Win-Situationen geschaffen werden sollen. Und so fragt sich, wer neben den Rinderbaronen die anderen Gewinner sind. In diesem Fall führt es allerdings weiter, dieses Abkommen als Loose-Loose-Abkommen zu betrachten. Es ist in der Tat so, dass exakt zum Zeitpunkt der Kundgebung in Berlin der Regenwald in Südamerika, und nicht nur der brasilianische, an vielen Stellen brannte. Da lag der Gedanke nahe, dass die Brandrodung des Regenwaldes keine zufällige Katastrophe war. Und in der Tat, wenn wir das Mercosur-Abkommen etwas genauer lesen, dann verstärkt sich dieser Eindruck.

Ein paar Zahlen legen die Spur für die Suche nach den Verlierern, der Spiegel schreibt: Die südamerikanischen Fleischproduzenten wären die größten Profiteure; ihre Produktion würde allein in Brasilien bis zum Jahr 2032 um bis zu 5,7 Prozent zulegen. Insgesamt würde die EU 30 bis 64 Prozent mehr Rindfleisch und 37 bis 79 Prozent mehr anderes Fleisch als bisher aus den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay importieren. Die absoluten Zahlen sind deutlicher, dem Mercosur-Block würde für Rindfleisch ein präferiertes Zollhandelskontingent von 99.000 t Schlachtgewicht im Jahr eingeräumt. Für Hähnchenfleisch und Zucker sind Freihandelsmengen von jeweils 180.000 t vorgesehen. Aktuell importiert die EU jährlich rund 200.000 Tonnen Rindfleischteilstücke aus den Mercosur-Ländern. Dass gegen diese Pläne die Bauern protestieren, ist nachvollziehbar. Es ist ein weiterer Angriff auf ihre Existenz, das Höfesterben wird damit nicht gestoppt. Die EU verkauft das anders, so steht tatsächlich auf einer der offiziellen EU-Internetseiten:

MÖGLICHKEITEN SCHAFFEN. DIE INTERESSEN DER EUROPÄISCHEN LANDWIRTE WAHREN

Diese Fleischlieferungen sind nur eines von vielen Themen. Es geht auch um die Lieferung von Zucker, Speiseöl, Honig und Ethanol. Für Ethanol wird ein zollfreies Kontingent von 450.000 Tonnen zur Verwendung in der chemischen Industrie eröffnet, ein weiteres Kontingent von 200000 Tonnen mit deutlich verringertem Zollsatz wie bisher kommt hinzu. (Ethanol wird unserem Benzin zugesetzt.) Und wie wird Ethanol hergestellt? Es wird aus Zuckerrohr gewonnen. Und so fällt es sicherlich nicht schwer sich vorzustellen, dass für die Produktion Regenwald weichen muss. Die Brände ab August 2019 können wir also problemlos als Vorwegnahme für die Umsetzung dieses Abkommens ansehen.

Natürlich finden viele Politiker Argumente für dieses Abkommen. Aber ist es vorstellbar, dass dann ein Mensch angesichts dieses Abkommens den Satz über die Lippen bringt: In den voraussichtlich eineinhalb Jahren bis zur endgültigen Ratifizierung des Abkommens werden wir intensiv über den Stopp der Regenwald-Abholzung diskutieren.? (So ein Politiker aus der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament lt. oben genanntem Spiegelartikel.)

Was hören wir immer? Deutschland trüge zur Klimakrise nur 2% bei, und deshalb hätten wir keine besonders große Verantwortung – und wir könnten mit unserem Verhalten nur wenig ausrichten. Eigentlich. Und dann verhandeln wir ein Abkommen, mit dem wir das Klimaproblem verschärfen. Zwar sichern wir damit unseren Lebensstil, gleichzeitig aber vernichten wir das, was die Erde bewohnbar macht: Wälder, die CO2 binden und Sauerstoff liefern. Und sollten wir uns Gedanken machen wegen der Menschen, denen wir ihre Lebensräume nehmen? Für Zyniker liegt zwischen ihnen und Europa ein großes Meer.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.