Informationen allein ändern unser Verhalten nicht.

Die Menschheit weiß so viel wie nie über den Klimawandel – und handelt nicht. Ein Grund: unsere Ur-Ängste. Sie sind evolutionär und bestimmen unser Verhalten. Das schrieb der Tagesspiegel Anfang des Jahres 2019. Zur Erinnerung, Anfang 2019 brannten der Regenwald und in Sibirien und Kanada die borealen Wälder noch nicht – und wir konnten noch glauben, das Jahr 2018 sei auf der Skala der trocken-heißen Jahre ein Ausreißer gewesen. Die taz meinte dann Ende 2019 Eigentlich müsste die Menschheit verzweifeln, doch die Verdrängung funktioniert bestens. Überall lassen sich SUVs entdecken, die mit Kindersitzen ausgestattet sind. Die Besitzer glauben offenbar, dass es die Zukunft ihres Nachwuchses nicht beeinträchtigt, wenn sie selbst permanent CO2 durch den Auspuff jagen.

Mir ist es gleich, ob wir das nun Ur-Ängste nennen oder Verdrängung, Menschen finden für so gut wie alles einen Grund.Viele Eltern und Erzieher*innen wissen jedoch aus eigener Erfahrung, dass sie nicht weit kommen mit ständigen Appellen an die Vernunft, mit Nörgelei oder Schimpfen. Tatsache ist: Kinder können sich erst dann ändern, wenn die Eltern aufhören nur zu reden und auch ihrerseits ihre Verhaltensmuster und damit die Bedingungen des Miteinander ändern. Gilt das dann auch für die Klimakrise?

Das Coronavirus hat innerhalb weniger Tage von Mitte bis Ende März 2020 einschneidende Maßnahmen von Seiten der Regierungen ausgelöst. Plötzlich waren Selbstverständlichkeiten untersagt, von denen wir glaubten, ohne sie nicht leben zu können. Es zeigte sich, wir können offensichtlich doch, wenn es um etwas Wichtiges wie unser Leben geht. Da liegt es nahe, an die Klimakrise zu denken, die ja eine ungleich größere Bedrohung für unser Leben darstellt. Es ist schon verwunderlich, dass wegen der Ausgangsregelungen so gut wie niemand Freiheitsberaubung! schrie. So ähnlich klangen doch die Reaktionen vieler Bürger*innen und mancher Politiker auf das bloße Denken an eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf unseren Straßen! Und dann durften wir nicht mal mehr mit unserem Auto einfach herumfahren! Und keine Revolution?

Diese fast reibungslosen Anpassungen erinnern an die These des Sozialwissenschaftler Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie, der meint: Da Menschen sich nicht ändern, müssten mit geeigneten Regeländerungen die Bedingungen für ein routiniertes neues Verhalten geschaffen werden. Das Rauchverbot etwa wurde in relativ kurzer Zeit als Selbstverständlichkeit gesehen. Mit einer ähnlich einfachen Vorgabe hat England das Thema Zucker in Getränken geregelt: Getränke mit mehr als 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter (ein Zehntel Liter) werden mit einer Abgabe von 18 Pence pro Liter gelegt. Die Getränkehersteller stellten sich schnell um, sie wollten auf keinen Fall Marktanteile verlieren. Mit Regeln für neue Energiestandards und die verpflichtende Nutzung der Sonnenenergie bei Neubauten etwa, könnten wir notwendige Änderungen herbeiführen. Überdies würden solche Regeln die Bauherren von komplizierten Gewissensfragen entlasten. In der Tat würde uns das Verbot des Einsatzes von Antibiotika bei der Hähnchenmast die Entscheidung abnehmen, ob wir nun das billige konventionelle Hähnchen oder das andere nehmen sollen. Bei Preisunterschieden von 12€ für Bioqualität gegen 3€ pro Kilo für Hähnchen, die in der Zeit ihres kurzen Lebens eingepfercht waren und antibiotikaverseucht sind, keine leichte Gewissensprüfung, Tierwohl her oder hin.

Kopatz geht von der Behauptung aus: Wir tun nicht, was wir für richtig halten, weil die Informationen nicht unsere Routinen ändern. Eine Hypothese, deren Tragfähigkeit durch etliche Beispiele wie das schon genannte Rauchverbot, das Abschaffen der Glühbirne, den Verbesserungen beim Tierschutz mit etwa mehr Platz für Legehühner, den Bußgeldern für das Wegwerfen von Zigarettenkippen usw. bestätigt wird. Denn tatsächlich gab es jahrelange und stetig wiederholte Informationen plus Appelle zur Gefahr des Passivrauchens, den schlechten Wirkungsgrad von Glühbirnen, das qualvolle Leben von Legehühnern und der Giftigkeit und Langlebigkeit von Kippen. Die Überlegungen von Kopatz sind sehr anschaulich in folgendem Video dargestellt.

Aber würde dieses Vorgehen auch dann funktionieren, wenn es tiefer in die Alltagsroutinen der Menschen eingreifen würde? Würden wir das akzeptieren? Wir kennen genügend Beispiele, bei denen solche Einschränkungen massiven Widerstand hervorriefen und bisweilen scheiterten: Die geplante Erhöhung des Rentenalters in Frankreich etwa hat landesweite Streiks und Demonstrationen provoziert und die Bahn SNCF lahmgelegt – und Regierung verzichtete auf die Erhöhung. In Deutschland haben wir einen langen Streit auch vor Gerichten um Stickoxidgrenzwerte und Fahrverboten in Städten hinter uns. Tatsächlich gibt es künftig in einigen Städten Fahrverbote für Euro-5-Diesel und alte Benziner. Aber freiwillig ging das nicht, trotz der guten Beweislage über die Gesundheitsrisiken von hohen Feinstaubkonzentrationen. Ähnliches gilt für die Proteste der Landwirte gegen die Düngeverordnung der EU, die ab Mai 2020 gilt. Auch hier spielten jahrelang alle Informationen über die gesundheitlichen Risiken und die Kosten allein für die Reduzierung des Nitrats im Trinkwasser von etwa 700 Mill. Euro, wie das Umweltbundesamt berechnet hat, keine Rolle. Erst die EU hat jetzt mit ihrer Düngeverordnung ein weiter so unterbunden und die Bundesregierung und dann der Bundesrat haben angesichts der drohenden Strafzahlungen in Höhe von 850.000 € pro Tag der Verordnung zugestimmt.

Diese wenigen Beispiele stützen die Behauptung von Kopatz, Informationen allein lösten nicht notwendigerweise Verhaltensänderungen aus, selbst wenn Wohlstand und Gesundheit gefährdet sind – Ökofreaks, Biolandwirte und Tierschützer ausgenommen. Aber diese repräsentieren nur geringe Bruchteile der Bevölkerung, mit ihren Verhaltensänderungen sind weder die Luftqualität, das Klima oder die Artenvielfalt zu retten. Aber sie sind diejenigen, die den Weg zeigen und dabei sehr hartnäckig und ausdauernd sein können. Ohne Auseinandersetzungen geht es offensichtlich nicht.

Im Vergleich zur Corana-Pandemie ist die Klimakrise ungleich bedrohlicher. Eines der erfolgreichsten Wirtschaftsmagazine, die Zeitschrift >i>Forbes, ist in Deutschland wohl überwiegend wegen der Auflistung der reichsten Menschen auf der Welt bekannt. Sie veröffentlichte Berechnungen, denen zufolge die Beschränkungen wegen Corona weltweit mehr Menschen retten würden als Menschen durch das Virus selbst sterben : In China würden 1 Million Menschen weniger schon allein wegen der saubereren Luft sterben – pro Jahr. (Die WHO spricht von 7 Millionen weltweit!) Diese Zahlen stammen von François Gemenne, einem Experten für Umwelt-, Geopolitik und Migration von der Universität Lüttich, Mitautor des Buches „Atlas der Umweltmigration“. Sein Blick auf die Auswirkungen des Coronavirus im Vergleich zu anderen und tatsächlich tödlichen Bedrohungen mögen für Erkrankte vielleicht zynisch klingen; er hat, und der Buchtitel weist darauf hin, eine andere Perspektive und einen weiteren Horizont. So ist nachvollziehbar, dass er sich über die Maßnahmen, die wir zur Bekämpfung des Virus zu ergreifen bereit sind, überrascht äußert. Sie sind – wohl nicht nur in seinen Augen – viel einschneidender als die, die wir angesichts des Klimawandels oder der Luftverschmutzung schon längst hätten durchsetzen müssen.

Daraus lässt sich nur schließen, dass wir noch nicht verstanden haben, wie hoch der Preis ist.

https://www.forbes.com/sites/jeffmcmahon/2020/03/11/coronavirus-lockdown-may-save-more-lives-from-pollution-and-climate-than-from-virus/#744466b05764, abgerufen am 2. 4. 2020

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.