Ohne intakte Ökosysteme und ein stabiles Klima kann die Weltwirtschaft nicht dauerhaft funktionieren. Deshalb lässt sich ein Bericht des Weltwirtschaftsforums mit Gewinn lesen. 

 „Wozu ist die Brandseeschwalbe gut?“. Der Artikel mit dieser Überschrift ist mehr als 20 Jahre alt und immer noch nicht in meinem Altpapier gelandet. Er erinnert mich an begeisterte Artenschützer und ihre mangelhaften Strategien. Also, wozu ist die Brandseeschwalbe gut? Die Argumentation des Autos ist verblüffend und enttäuschend, ja er führt gar kein „richtiges“ Argument für die Existenzberechtigung der Brandseeschwalbe auf. Genauer, er hat keines außer der Forderung, eine „Auslöschung der Brandseeschwalbe ist in erster Linie um ihrer selbst willen zu verhindern.“ Aber ist das für Menschen, die darauf dressiert sind, zuallererst mal zu fragen, wozu das alles gut sein soll, ein Argument? Für begeisterte Ornithologen schon, die sind aber deutlich in der Minderheit!

Der Kämpfer für den Erhalt die Brandseeschwalbe ist Martin Görke, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung Professor für Umweltethik an der Uni Greifswald. Er weigert sich geradezu, irgendwelche Nutzenaspekte in die Waagschale zu werfen. Das ehrt ihn, aber für mich stellt sich die Frage, ob ein bisschen Nachdenken über eine erfolgreichere Strategie nicht angesagt wäre. Schließlich hat sich in den letzten Jahrzehnten der Artenverlust beschleunigt.

Nun liegt ein Bericht des Weltwirtschaftsforums vor, also des Komitees, das jährlich einmal das Spektakel eines Treffens der wichtigsten Politiker und des Großkapitals dieser Welt in Davos veranstaltet. Dieses Forum ist wohl kaum verdächtig, die Themen Arten- und Klimaschutz ohne triftigen Grund in den Focus seiner Treffen zu stellen. Im Frühjahr 2020 veröffentlichte dieses Forum einen Bericht mit dem Titel „Nature Risk Rising“ , der Untertitel heißt „Why the Crisis Engulfung Nature Matters for Business and the Economy“. Frei übersetzt wäre das „Warum die umfassende Krise der Natur für die Geschäfte und die Wirtschaft eine Rolle spielt.“ Zu finden ist dieser Report auf

https://www.weforum.org/reports/the-global-risks-report-2020

Aus welchen Gründen hat dieses Forum auch den Arten- und Klimaschutz auf seiner Agenda? Es ist nicht allzu schwer nachzuvollziehen: Es geht um den Erhalt der Grundlagen, auf denen das Funktionieren der Weltwirtschaft beruht. Deshalb dürfen Artenschützer sich nicht wundern, wenn die Ökosystemdienstleistungen von Wäldern, Mooren oder Insekten akkurat mit Dollarzahlen belegt werden. So können wir also lesen, dass mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttosozialprodukts mit 44 Billionen Dollar mäßig oder in hohem Grad abhängig von der Natur und ihren „Dienstleistungen“ („services“) ist. Natürlich werden auch die Bienen, Hummeln usw. erwähnt, die für die Bestäubung von Dreiviertel der Pflanzen und damit für Dreiviertel der weltweiten Lebensmittelernte verantwortlich sind. Und weil es auch hier um Geld geht, werden auch gleich Zahlen genannt: Es geht um eine Summe zwischen 235 und 577 Milliarden Dollar.

Aber das ist nichts wirklich Neues. Recht ungeschminkt werden die Abhängigkeiten genannt, manchmal auch solche, die viele Klima- und Artenschützer typischerweise nicht auf dem Schirm haben:  Der Kosmetikmarkt etwa ist abhängig vom Sheabaum und der aus dessen Nüssen hergestellten Shea Butter, genauso wie vom Arganöl, ein Öl, das aus den Früchten des Arganbaumes aus Marokko gepresst wird. Beide Baumarten sind durch die Entwaldung massiv bedroht. Der globale Kosmetikmarkt in einem Umfang von 200 Mrd. Dollar könnte deshalb massiv beeinträchtigt werden. Die Vernichtung der Mangrovenwälder wird ebenfalls als problematisch eingeschätzt: Er bedroht nicht nur die Artenvielfalt, schränkt die Bindung von CO2 ein, er beraubt auch die Küsten ihres Schutzes vor Fluten und Stürmen. Eine „Dienstleistung“ im Wert von geschätzten 87 Mrd. Dollar jährlich.

Die Verursacher

Die Studie beginnt mit der Aufzählung der Verursacher („drivers“) dieser ungünstigen Veränderungen. Es sind der jährliche Verlust von Regenwald in der Größenordnung von mehr als 3 Millionen Hektar. Es geht um die Zunahme der „Todeszonen“   in den Weltmeeren (auch in der Ostsee!), in denen es kein Leben mehr gibt, eine Fläche, die inzwischen die Fläche von Großbritannien übertrifft. Dies wird verursacht vor allem durch den Eintrag von Düngemitteln. Auch da liefert der Bericht genaue Zahlen: Von den 115 Mill. Tonnen Stickstoffdünger landen 35% in den Weltmeeren. Und es geht weiter mit den Bränden in den borealen Wäldern des Nordens bis zur Angabe, dass 93% unserer Fische knapp vor der Überfischung stehen oder schon überfischt sind.

Die Kipppunkte

Das Thema Kipppunkte darf nicht fehlen: In der Tat, die Rodung der Regenwälder, die Abschwächung des segensreichen Golfstroms, das drohende Abschmelzen des antarktischen Eisschildes, sie werden als gar nicht weit entfernte und durchaus realistische Bedrohungen wahrgenommen. Fazit: Mit dem Eintritt solcher Ereignisse  schwinden die Aussichten auf Geschäftserfolge und zukünftigen Wohlstand. Die Autoren kommen zum Schluss: Hier hilft nur eine fundamentale Veränderung unseres Verständnisses über die Leistungen von intakten Ökosystemen und die Kosten, die ihre Zerstörung nach sich zieht. Eine einzige Zahl noch: Wenn die weitere Abholzung des Regenwaldes in Brasilien zum Zusammenbruch der Regenmuster und damit zur Trockenheiten führt, dann würde das alleine für Brasiliens Landwirtschaft einen jährlichen Verlust in Höhe von 422 Millionen Dollar verursachen. Da sind die Soja- und Fleischexporten sicherlich mitgerechnet.

Risiken für die Gesellschaft

Corona  hat uns sensibilisiert für die wirtschaftlichen Auswirkungen von Pandemien. Aber schon vor Corona zählt der Bericht Risiken auf, die uns jetzt plausibler erscheinen: Es werden die Zusammenhänge zwischen der Zerstörung von Ökosystemen und Infektionskrankheiten genannt. Die Luftverschmutzung als eine kostspielige Gefahr für unsere Gesundheit, das ist uns nicht neu. Besonders betont werden die Folgen von Wasserknappheit, die schon in vergangenen Zeiten zu Gewaltausbrüchen z. B. in Mali und im Sudan führten. Ausdrücklich wird der Bürgerkrieg in Syrien in diesem Zusammenhang genannt.

Eine Übersicht vermittelt, auf welchen Gebieten die Risiken wahrgenommen werden – nichts davon ist neu oder unbekannt. Vielleicht überzeugt diese Datenquelle bisherige Zweifler von der Ernsthaftigkeit der Bedrohungen.

Natürlich warten Leserin oder Leser auf ein Ende der Aufzählung der Schrecken und Risiken, und auf Strategien zur Abhilfe. Gespannt lese ich daher das Kapitel mit der Überschrift „Managing nature-related risk“, aha, hier kommen die Lösungen, denke ich! Es gibt eine von den G20 initiierte Taskforce (TCFD = Task Force on Climate-related Financial Disclosures), die klimaabhängige Risiken identifizieren, einschätzen und managen soll. Tatsächlich unterstützen schon viele Finanzinstitute mit einem Investitionsvolumen von 118 Billionen Dollar diese Empfehlungen. Wie diese Gefahren wahrgenommen werden, das zeigen die im Bericht angeführten Beispiele:

  • Erwähnt werden Interventionen von staatlicher Seite (Gesetze, Moratorien, Rücknahme von Subventionen): Als 2018 der indonesiche Präsident die Rodung von Regenwäldern und Marschland für 3 Jahre aussetzte, war dies ein herber Verlust für die Palmöl- und Holzindustrie. Es wird erwartet, dass dadurch das Bruttosozialprodukt um 2% zurückgehen wird. Hierzu fällt mir spontan die Diskussion um die CO2-Steuer ein.
  • Ganz offen wird formuliert, dass viele Unternehmen durch neue Geschäftsmodelle, Produkte oder Technologien bedroht sind, die eine Antwort auf die Risiken des Klimawandels darstellen. Als Stichworte für Deutschland sind hier anzufügen: Diskussion um den PV-Deckel, Ausstieg aus der Kohle, der Trend zu ökologisch hergestellten Nahrungsmitteln (weniger Stickstoffdünger, weniger Pestizide…), der New Green Deal.
  • Erwähnt werden die Risiken, die durch Kampagnen von Organsationen wie Green Peace gegen Nestlé mit seinem Produkt KitKat wegen der Verwendung von Palmöl gelaunched wurden. Die Aktie von Nestlé vorlor daraufhin 4%. Der Repuationsverlust der Deutschen Autoindustrie wegen des Abgasskandals gehört wohl ebenfalls in diese Kategorie.
  • Aufgeführt wird, dass der Bedarf an Rindfleischprodukten bis 2030 um 70% zurückgehen könnte weil zunehmend mehr Menschen auf andere Proteinquellen zurückgreifen. Die Studie schätzt die Verluste auf 100 Mrd. Dollar. Ein solcher Trend wird sicherlich auch durch die Skandalisierung der Bedingungen in deutschen Schlachthöfen beflügelt.
  • Die Forderung nach der Offenlegung von Zahlen und Fakten wird als erhebliches Risiko eingeschätzt.

Eine andere Wahrnehmung von Seiten des Weltwirtschaftsforums wäre überraschend: Es geht um den langfristigen Erfolg der Wirtschaft weltweit und um das Vermeiden von Fehlinvestitionen, das sind die Treiber hinter dieser Bestandsaufnahme: Ja, es geht um´s Geld! So manchen mag es stören, dass hier nicht der Erhalt der Arten oder der Klimaschutz, sondern die Rendite im Vordergrund steht. Die Lektüre ist dennoch ein Gewinn: Sie lässt sich lesen als Anleitung für die Entwicklung wirkungsvoller Strategien im Sinn von Klima- und Artenschutz – und das ist nicht wenig.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.