Die Treiber der Artenverluste, und was wir dagegen tun können. 

Die Ros ist ohn Warum; sie blühet, weil sie blühet,
sie acht´ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius

Der „Green Deal“, die groß gedachte Initiative der EU, erweckt Hoffnungen, dies gleich auf mehreren Ebenen: hoch angesetzte Klimaschutzziele, eine endlich effiziente Biodiversitätsstrategie und anderes mehr. Gute Ideen, aber die Verhinderer hatten sich schnell positioniert. Und so könnten viele gute Ansätze wieder in faulen Kompromissen, in sogenannten „freiwilligen Vereinbarungen“, dem „notwendigen Ausgleich der Interessen“ (Julia Klöckner), also in der bekannten Politik der Gefälligkeiten enden – wie üblich eben.

Fast zeitgleich im Mai 2020 hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit den neuesten Bericht „Die Lage der Natur in Deutschland“ (https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/bericht_lage_natur_2020_bf.pdf) vorgelegt – und ich stelle fest, der Name des Ministeriums ist eigentlich ein Fake: Würde ein CEO irgendeines Unternehmens einen solchen Sachstandsbericht auf einer Aktionärsversammlung vorlegen, er würde über die ersten Sätze nicht hinauskommen. Die Aktionäre stünden wohl bald pfeifend auf den Stühlen, oder was auch immer sie bei Katastrophennachrichten machen. Ein Zitat gefällig? Gleich auf der zweiten Seite des Berichts heißt es: „Auch bei den Arten sind nur 25% der 365 Bewertungen der 195 über die FFH-Richtlinie erfassten Arten in einem günstigen Zustand, … 33% in einem schlechten Zustand.“ Mit anderen Worten: 75% aller Arten, die eine große Bedeutung haben, sind in einem schlechten oder unzureichenden Zustand. (FFH-Arten dokumentieren die Qualität von Lebensräumen. FFH = Fauna-Flora-Habitat)Wozu gibt es eigentlich dieses Ministerium und warum machen die nicht ihren Job?

Haben Sie schon einmal die Balzgeräusche einer Bekassine gehört? Nun, es ist unwahrscheinlich, dass Sie sie jemals hören werden, denn es gibt nur noch knapp 3000 Brutreviere in Deutschland, das Ergebnis eines jahrzehntelangen und

Bekassine, Foto: Gunther Zieger

gut dokumentierten Verschwindens. Die Bekassine gehört zu den typischen Verlierern unserer Landwirtschaftspolitik. Wo sie noch vor Jahren in einer reich strukturierten Landschaft mit Feuchtwiesen zwischen Sumpfdotterblumen und Bach-Nelkenwurz wie selbstverständlich vorhanden war, ist sie verschwunden. Sie ist nur eine gefährdete Art neben vielen und ich erwähne sie, weil ich vor einigen Jahren in der Hochrhön zum ersten Mal das Balzgeräusch hörte, das das Männchen mit den Flügeln erzeugt. Morgens um 5 Uhr, bei gerade aufkommender Dämmerung, wenn die ersten Konturen der Landschaft erkennbar sind, rief dieses Geräusch in mir das Gefühl einer geheimnisvollen Verbundenheit mit der Natur hervor. Erinnern Sie sich an den Film Crocodile Dundee II, als der Held mit einem kreisenden Stück Holz ein Wummern und Summen erzeugte, das den Banditen in der Nähe einen Schauer über den Rücken jagte? So ähnlich klingt das.

Der oben genannte Bericht listet in seinem Anhang die Verluste der Arten auf. Genauso schnell wie die Bekassine verschwindet der Feldschwirl, ein Vogel, der strukturierte Wiesen mit höheren Ansitzwarten wie beispielsweise vorjährige Stauden, einzelne Sträucher oder kleine Bäume braucht. Eine Szene aus dem Roman von Maarten t´ Hart mit dem Titel „Ein Schwarm Regenbrachvögel“ beschreibt, was diesen Vogel charakterisiert: „In diesem Frühjahr ging ich an einer ungemähten Straßenböschung entlang. Ganz hohes Gras. In der Spitze einer fast ausgewachsenen Segge sang ein Feldschwirl. Ich konnte ihn sehr gut sehen, meistens sieht man sie nämlich nicht, sondern hört sie nur. Aber das Verrückte war, dass ich ihn zwar sah und auch sah, dass er sang, denn er sperrte  seinen Schnabel weit auf, aber ihn nicht hören konnte…“

Feldschwirl, Foto: Gunther Zieger

Wenn Sie etwa den Roman „Der Psalmenstreit“ dieses holländischen Autors kennen, dann werden Sie kaum die Frage stellen: „Wozu sind denn die Bekassine, der Feldschwirl, der goldene Scheckenfalter oder die Geburtshelferkröte gut?” Arten, deren Zeit abgelaufen scheint.  Der Romanheld Roemer nimmt so selbstverständlich wie das Atmen alles Lebendige um sich wahr, den Wiesenfuchsschwanz und die taube Trespe, wenn er mit seiner Geliebten im Gras liegt, die Trauerseeschwalben oder kreisenden Mantelmöwen, wenn sein Weg ihn zum Hafen führt. Aber diese Frage steht immer im Raum. Müssen also die Verfechter*innen des Artenschutzes dann die Ökoksystemdienstleistungen von Bärlapp und Co. aufzählen, diesem zunehmenden Rechtfertigungsdruck nachgeben – und ihre Existenz in die Kategorien der Verwertbarkeit pressen? Nun ja, wir gewöhnen uns ja auch daran, dass mehr und mehr unserer privaten Lebensäußerungen davon bestimmt werden. Ich erinnere noch die Diskussionen über das Insektensterben: Sie haben oft zur peniblen Aufzählung sehr gut dokumentierter Zahlen über den Geldwert geführt, den Honigbienen, Hummeln und andere Wildbienen mit ihren Bestäubungsleistungen erzeugen. Das hat jedoch nicht verhindert, dass sie immer noch totgespritzt werden oder ihr Lebensraum verschwindet.

Wie und warum wird ein Ministerium mit diesem eigentlich verpflichtenden Titel zum Verwalter des Artensterbens? Der Zustandsbericht nennt die „Treiber für Veränderungen“ beim Namen, ich zähle hier einige auf und es fällt nicht schwer, die „Hintergründe“ zu identifizieren.

  • Es sind die hohen Nährstoffeinträge durch die landwirtschaftliche Düngung und die   Düngung aus der Luft, der atmosphärische Stickstoffeintrag aus Verkehr,   Energieerzeugung usw.
  • Es ist die Erhöhung der Nutzungsintensität, etwa durch die Erhöhung der     Mahdhäufigkeit  bei Grünland.
  • Es sind die Nutzungsänderungen, die zum Verlust von Lebensräumen (Kleinstrukturen) führen. Die Maschinen verlangen angepasste Flächen, bei denen Heckensäume, kleine Gehölze und jede Nassfläche Störfaktoren darstellen.
  • Es ist der Einsatz von Pestiziden, von Glyphosat angefangen bis hin zu Neonicotinoiden.

Vielleicht gut in Erinnerung sind die hinter uns liegenden Auseinandersetzungen um den Einsatz von Glyphosat. Sie dokumentieren ein beschämendes Kapitel von Beeinflussung, Verdrehung, ja Manipulation wissenschaftlicher Befunde, für die sich das Landwirtschaftsministerium hergegeben hat – unter dem Druck der Agrarlobby. Ob Krebsrisiko oder nachteilige Folgen dieses antibiotisch wirkenden Mittels für die Mikroorganismen in den Böden, es spielte keine Rolle. ) Auf Veranstaltungen zu erleben, wie ein Jungbauer sich anbietet, ein Glas von dem Zeug zu trinken, ist peinlich, vielleicht, weil die Überzeugungsmacht der Hersteller so unübersehbar wird. ( https://www.fr.de/wissen/darum-glyphosat-gefaehrlich-11002402.html)

Es ist die Landwirtschaftspolitik der EU, die bislang mit den Ansätzen einer Reform an den vielen Interessensgruppen scheiterte: Den Produzenten von Dünge- und Futtermitteln und all der Biozide, die auf unseren Feldern landen, den Herstellern von landwirtschaftlichen Maschinen, den Vertretern der Fleisch- und Milchgiganten, den Profiteuren der Exportindustrie und, nicht zu vergessen: den Verbrauchern, denen das Fleisch und die Milchprodukte nicht billig genug sein können.

Dazu ein paar Fakten: Wir backen jeden Tag 20 – 25 Prozent mehr Brot als wir verbrauchen, wir werfen lt. zahlloser Studien, etwa auch der FAO, der Welternährungs-organisation, weltweit ein Drittel aller Lebensmittel weg. Die Verschwendung beginnt auf dem Acker, geht über die Verarbeitung bis hin zu den Konsumenten. Und entscheidend: Da die Landwirtschaft für etwa ein Drittel aller Treibhausgase verantwortlich ist, verursacht dieses Verhalten allein völlig unnötig rund zehn Prozent der Klimagase. Dafür könnten wir lange um die Welt fliegen oder besser: Wenn wir deutlich weniger als ein Drittel wegwürfen, könnten wir uns auch Brach- und Blühflächen leisten, Randstreifen stehen lassen und zudem mit weniger Dünger und weniger Spritzmittel produzieren. Das wäre dann die Stunde der Biolandwirtschaft, die der Artenvielfalt, dem Klima, unserem Grundwasser und den Fließgewässern zugute kommen würde.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.