Bedeutet die Energiewende einen Fortschritt für die Menschheit?

Die Antwort ist davon abhängig, ob gerade von den Baggern am Hambacher Forst das Zuhause in einem großem Loch verschwindet, ob in Brasilien eine Familie wegen der Bioethanolproduktion kurzerhand enteignet wird oder ob man seine Arbeit in einem Kohlekraftwerk verliert.

Natürlich ist diese Frage eigentlich gar keine Frage, über die lange zu diskutieren wäre. Die Klimakrise lässt uns gar keine Alternativen. Aber wieso dann diese schwere Geburt, woher diese unsinnigen Widerstände? Wie leicht ließe sich die Energiewende als Fortschritt interpretieren, als die Abschaffung zerstörerischer Praktiken, als ein Weg, der viele Menschen auch in Deutschland und Europa vor der Zerstörung ihrer Wälder und Flüsse und der Vertreibung aus ihrer Heimat bewahrt? Als ein weltweit bedeutsamer Pfad hin zu mehr Teilhabe und Gleichheit für mehr Menschen als je zuvor?

 

Widerstand gegen Veränderungen ist normal

Tatsächlich ist es schon immer so gewesen mit dem technologischen Wandel, der Strukturen verändert und Arbeit und Einfluss neu verteilt usw. Unsere Geschichte ist voll mit Beispielen von Widerständen, die vor allem eine Quelle haben: Die Angst der Mächtigen vor dem Verlust ihrer Privilegien. Wenige Muster aus vergangenen Jahrhunderten genügen zum Beleg dieser These: Wenn die Kirche im Schulterschluss mit den spanischen Behörden im Jahr 1558 die Todesstrafe für das Einführen fremder Bücher ohne Erlaubnis einführt, dann ist das so ein Beispiel. Dass damit das ganze mediterrane Europa die wissenschaftliche Revolution verpasste, das war die Konsequenz dieser Haltung. Dieser Rückschlag erstreckte sich über mehrere Jahrhunderte, wie der Ökonom David S. Landes sehr gut in seinem Buch „Wohlstand und Armut der Nationen“ beschreibt. Viele ähnliche Beispiele liefert Carl Benedict Frey in seinem Buch „The Technology Trap“: Es beginnt beim römischen Kaiser Tiberius, der einen Mann hinrichten ließ, weil dieser eine bessere Glassorte erfand, geht über Sultan Bayezid II., der im Jahr 1485 den Druck von Büchern in arabischer Schrift verbot, mit dauerhaften Folgen für die Bildung und den ökonomischen Wohlstand, bis zu Zar Nikolaus I., der 1848 Fabriken und Eisenbahnen verbot. Dies immer aus Angst der herrschenden Eliten vor Aufklärung oder Emanzipation von Menschen und daraus folgenden Veränderungen.

Diese Haltung endet auch nicht in unseren „modernen“ Zeiten. Die Strukturen der Macht und ihre Vertreter haben sich zwar geändert, aber immer noch geht es um Macht und Einfluss. Die Interessensvertretung ist manchmal offen, oft aber auch raffiniert getarnt.  Aktuell etwa das EEG mit Gesetzesvorgaben, die wie eine Schüssel Spaghetti anmuten. Da bleibt der engagierteste Klimaschützer auf der Strecke beim Versuch eine Genossenschaft zu gründen oder die Bürgerenergie voranzubringen. Die 10H-Regelung in Bayern lässt sich auf viele Arten lesen, mit wenig Phantasie auch als eine Entmündigung des ländlichen Raums oder als Schutzschild für die Interessen etablierter Energieversorger.

„Wir könnten es so schön haben.“, der Untertitel des Buches „Mensch, Erde!“  von Dr. Eckhart von Hirschhausen, ist deshalb auch ein passender Seufzer angesichts dieser Situation. Noch schöner als jetzt, könnten wir fragen? Haben die meisten Menschen im reichen Westen nicht jetzt schon alles, was zu einem guten Leben gehört? Wer genauer hinschaut, merkt sehr schnell, dass auch wir die Opfer unseres Lebensstils sind, nicht nur die Arbeiterinnen in den Textilbetrieben in Bangladesch oder die Menschen, denen wir mit Avocado-Kulturen oder Sojaplantagen Wasser und Lebensraum rauben. Zur Anregung nur wenige Fakten: Die gesundheitlichen Folgen der Feinstaubbelastung, der Anstieg der Zahl der Hitzetoten, die Tatsache, dass wir bald mehr Plastik als Fisch essen werden. Das ist in Deutschland und nicht in Peru oder Südafrika , aber mehr dazu finden Sie bei Eckhart v. Hirschhausen. Unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/5750/publikationen/2021-06-10_cc_26-2021_kwra2021_kurzfassung.pdf  können Sie etwas über die ganze Bandbreite der notwendigen Klimafolgenanpassungen erfahren.

 

Fossile Energien sind zerstörerisch

Was einmal als Geschenk der Natur galt, nämlich dass tief im Boden unter uns riesige Kohleflöze, Öl- und Gasvorkommen lagen, das ist aus ganz verschiedenen Perspektiven zu einer zerstörerischen Gabe geworden. Ein Blick nach Venezuela oder Nigeria bestätigt dies wegen der sozialen Kosten. Wegen des Klimas müssen ohnehin Öl, Gas und Kohle da bleiben, wo sie sind. Aber es gibt weitere Aspekte: In Deutschland sind es die Braunkohlegebiete, in denen seit Jahrzehnten Menschen aus ihren Dörfern vertrieben werden. Ich lebe in einem Landkreis, in dem vor etwa 200 Jahren auch etwas Braunkohle abgebaut wurde. Ihre Qualität aber war so schlecht und die Vorkommen so gering, dass sich das nicht lohnte. Die Rhön bleibt, wie viele andere Regionen in Deutschland auch, völlig unberührt von den Zerstörungen, die unsere Energieversorgung verursacht. In diesen Regionen merkt niemand, welchen Preis andere dafür zahlen müssen. Die wenigsten Menschen werden die Braunkohle-Tagebaue am Hambacher Forst oder in der Lausitz gesehen haben. Gott sei Dank trifft uns das nicht, denken wir.

Aber diese kaputten Landschaften in Deutschland sind der nahe und vergleichsweise geringere Teil der Zerstörungen: Nur Meister im Wegschauen haben noch nie etwas von Mountaintop removal mining, auf deutsch: Bergbau durch Gipfelabsprengung gehört. Das ist die brutale Variante von Kohleabbau, die in den Appalachen oder in Kolumbien angewendet wird. (Aus diesen Regionen beziehen wir immer noch einen Teil unserer Steinkohle!) Was da zurückbleibt, lässt sich kaum mehr als Landschaft bezeichnen. Die dort lebenden Menschen müssen mit vergifteten Flüssen und einer krank machenden Luft leben, einer Luft mit dem Geruch von faulen Eiern, der vom Schwefel aus dem freigelegten Gestein stammt.  Wir sollten uns mal vorstellen, wie in diesem Fall der Schwarzwald, der Harz oder andere Mittelgebirge aussähen.

 

Ob nun in Kolumbien oder in Virginia, diese „Landschaften“, obwohl in völlig unterschiedlichen Regionen liegend, sehen ähnlich aus:

Kohleabbau in Virginia: Quelle: Hour.poing – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31776078

Und das geht weiter so: So sieht die Landschaft am Athabaska-River in Alberta aus.

Quelle:Regenwald.org

Die Athabaska-Ölsande sind eine Ölsandlagerstätte in der Provinz Alberta im Westen Kanadas. Dazu schreibt Planet Wissen: „Aus riesigen Flächen Nadelwald sind trostlose Mondlandschaften mit Giftteichen und Schwefelbergen geworden. Um einen Liter Bitumen aus dem Sand zu waschen, braucht man fünf Liter Wasser – Wasser, das danach ein mit Schwermetallen und zum Teil krebserregenden Kohlenwasserstoffen verseuchter Schlick ist und in Klärteichen gelagert wird. Diese künstlichen Seen voller Giftbrühe sind zusammengenommen mit 130 Quadratkilometern bereits halb so groß wie Frankfurt am Main.“

Macht es uns ein gutes Gewissen, dass unser Öl nicht von dort kommt?

 

Der Traum von den nachwachsenden Rohstoffen ist noch nicht ausgeträumt

Nach Soja sind Zucker und Ethanol die zweitwichtigsten Exportschlager Brasiliens. Es war eine der Illusionen, wir könnten mit Ethanol-Beimischungen (aus Zuckerrohr und Mais) zu unserem Benzin und Biodiesel (aus Soja, Raps oder Ölpalmen) zu unserem Dieseltreibstoff die Auswirkungen unserer Mobilität einfach mit dem Label „nachwachsende Rohstoffe“ versehen. Bloß nicht unseren Lebensstil in Frage stellen, das war die Devise. Nun entpuppt sich diese Praxis als eine von den vielen Sackgassen, in die wir gestolpert sind, denn dieses ignorante Vorgehen der reichen Länder war nichts anderes als eine Lizenz zur Zerstörung der Regenwälder; eine Praxis, die wir jetzt nicht mehr in den Griff bekommen. Die Folgen für die Menschen vor Ort sind Elendsquartiere, gewaltsame Enteignung, sklavenartige Arbeitsverhältnisse, giftiges Trinkwasser usw. Aus der Klimaperspektive betrachtet ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Regenwald als Ökosystem zusammenbricht.

Zuckerrohranbau in Brasilien, Quelle: AdobeStock

Das Ende der fossilen Energien steht nicht mehr in Frage, was wir erleben, das sind Rückzugsgefechte der großen Ölkompagnien, um die finanziellen Verluste zu minimieren. Der Absturz der Ölpreise wegen Corona lieferte einen Vorgeschmack auf diesen notwendigen Wandel. Bei den „nachwachsenden Rohstoffen“ scheint ein Sinneswandel noch in weiter Ferne. Holzpellets aus alles Welt, die z. B. in den Kohlekraftwerken Englands statt Kohle verbrannt werden, haben immer noch das Image der Klimaneutralität, genauso wie Biogas oder Bioethanol. Es wird Zeit, dass ihnen die Vorsilbe „Bio“ entzogen wird, denn: “Bio” kommt aus dem Griechischen und steht für “Leben”.

 

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.