Leider gilt: Wir liegen um den Faktor 5 entfernt von einer Lösung!

Geht die Geschichte der Menschheit wie ein Pfeil im Flug immer nur in eine Richtung? Diese Vorstellung gehört zumindest zu unserer westlichen Sicht auf die Welt: Optionenvielfalt, immer größere Spielräume für uns, die zu nutzen geradezu verpflichtend ist. Verblüffend hartnäckig ist die Annahme, dass der technologische Fortschritt alles besser machen wird, obgleich es kaum eine Veränderung durch den Klimawandel gibt, die wir dauerhaft gutheißen können. Ja, an den Komfort des langen und mediterranen Sommers in Mitteleuropa könnten wir uns gewöhnen, aber an all die Begleiterscheinungen der Erwärmung eher nicht. Ist der Glaube an den unvermeidlichen Fortschritt nicht vielleicht eine gefährliche Form des Aberglaubens?

Im Jahr 2009 erschien das Buch Faktor 5 von Ernst Ulrich von Weizsäcker, ein Buch, das Optimismus verbreitete. Schon der Untertitel “Die Formel für nachhaltiges Wachstum“ verspricht uns, wir könnten auf dem bisherigen Pfad bleiben, weil wir den Ressourcen- und Energieeinsatz um den Faktor 5 senken können. Also zum Beispiel: E-books statt Bücher, Tröpfchenbewässerung in der Landwirtschaft, effizientere Motoren, die Herstellung von Stahl mit weniger Energie, Niedrigenergiehäuser, mehr Recycling usw.

Der Autor und seine Koautoren nennen zwei Instrumente, um diese neue Welt zu realisieren. Der erste entscheidende Hebel ist der technologische Fortschritt mit der damit verbundenen Ressourceneinsparung und dem effizienten Einsatz von Energie. Es lohnt sich eben langfristig, Kühlschränke, Waschmaschinen usw. zu kaufen, die weniger Strom brauchen, alte Heizungen durch sparsamere zu ersetzen oder Fenster mit Dreifachverglasung einzubauen. Das Ergebnis sollte sich in sinkenden Energieverbräuchen zeigen; hat es auch! Aber Menschen neigen dazu, das Eingesparte an anderer Stelle zu investieren: Nicht nur, dass wir uns mit dem eingesparten Geld evtl. noch einen zusätzlichen Urlaub leisten. Nun besitzen wir eben auch mehr Elektrogeräte als früher und wir benutzen sie öfter. Die sparsameren Kühlschränke wurden größer, in vielen Haushalten stehen nun zwei statt einem und der Bildschirm des Fernsehers wurde größer. Und es kamen viele neue Geräte hinzu, vom Toaster bis zum Router, von der Espressomaschine, der Mikrowelle bis zum Mixer für die gesunden Smoothies. Hinzu kommen die DVD-Player, die Smartphones, die Tablets, die Laptops, die Drucker usw., die in ärgerlich kurzer Zeit technisch schon wieder überholt sind. Obwohl die Einsparung bei Geräten wie Kühlschränken oder Waschmaschinen seit 1990 deutlich über 50% liegt, ist der Netto-Stromverbrauch privater Haushalte pro Kopf von 1990 bis 2015 gestiegen, von 1447 kWh/Person auf 1618 kWh/Person. Ja, auch die Badezimmer wurden größer und manchmal wird gleich die ganze Wohnung geheizt. Was wir hier beobachten, ist als Reboundeffekt oder Bumerangeffekt bekannt.

Von Weizsäcker kannte das Rebound-Dilemma, er wusste, trotz der Effizienzchancen würde das Wachstum zunehmen. Folgerichtig hat er einen zweiten Schritt gefordert: “Die gewünschte Dynamik“, so schreibt er, “kann dadurch ausgelöst werden, dass der Verbrauch von natürlichen Ressourcen ständig teurer wird.“ Das ist der entscheidende Punkt, und die vergangenen 10 Jahre haben gezeigt, es ist der wunde Punkt. Es brauchte Gerichte, um die Verbrauchslügen der Autoindustrie zu entlarven, das staatliche Kraftfahrtbundesamt war viel zu sehr mit der Autoindustrie verstrickt. Die Geschichte dieser Enthüllung stimmt nicht gerade optimistisch. (Bis zu 40% ist der tatsächliche Spritverbrauch höher.) Nun hat sich die Regierung durchgerungen, ab 2021 eine Abgabe von zehn Euro auf die Tonne CO2 zu erheben, bis 2025 soll diese auf 35 Euro steigen. Schon ab 2021 könnten Benzin und Diesel damit um drei Cent pro Liter teurer werden. Es wird doch niemand ernsthaft glauben, diese Steuer habe eine Lenkungsfunktion! Wegen 3 Ct. werden wir nicht weniger fahren oder uns verbrauchsgünstigere Autos kaufen! Ein Hindernis für Maßnahmen mit einer spürbaren Lenkungsfunktion ist die Forderung “Mobilität und Heizen dürfen nicht zum Luxus werden!“. Ja, dem stimmen wir gerne zu. Aber haben wir Rezepte, um zu verhindern, dass die Reichen sich freikaufen von diesen Maßnahmen? Sie müssten selbst bei einer Verdoppelung des Sprit- oder Heizölpreises ihr Verhalten nicht ändern. Oder soll künftig pro Kopf ein Budget für Sprit, für Heizstoffe usw. zugeteilt werden? Hier kann ich nur auf das neueste Buch von Thomas Piketty mit dem Titel „Kapital und Ideologie“ verweisen.

Ja, es gab einige Entscheidungen, die in die richtige Richtung weisen, etwa der Ersatz der Glühbirne durch LEDs. Auch Legehühner haben jetzt wesentlich mehr Platz. Aber große Siege sind das nicht. Eine Leistungsbeschränkung von Staubsaugern auf 800 Watt tut nicht weh und rettet die Welt nicht. Es könnte durchaus anders sein. Über das Ordnungsrecht könnte die Bundesregierung eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf unseren Straßen durchsetzen, sie könnte mit einer kleinen Gebühr die Anzahl der Rücksendungen für Onlinebestellungen deutlich verringern, sie könnte sehr schnell die qualvolle Tierzucht beenden oder eine notwendende Förderung der Erneuerbaren Energien beschließen. Wir kennen die Diskussionen und die Gründe des Scheiterns.
Im letzten Kapitel seines Buches greift v. Weizsäcker das Thema Genügsamkeit auf. Er schreibt “Die Erde reicht nicht aus, um alle materiellen Träume zu erfüllen.“, er weiß, dass wir gefangen sind in der Tretmühle steigender Erwartungen. Welche Wünsche sind das, wenn wir eine schön eingerichtete Wohnung haben, gut essen können usw.? Die Ausgangsbeschränkungen wegen der Corona-Pandemie haben auf überraschende Weise einen wichtigen Mechanismus des Wachstumszwangs aufgedeckt: Gezwungen, zischen unseren vier Wänden zu bleiben, wir wissen, dass wir nichts verpassen, da alle andern auch zuhause bleiben müssen und keine aufregenden Sachen machen. Das hat in den meisten Fällen einen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden, denn der soziale Vergleich quält uns nicht mehr so arg: Keine Party, keinen Urlaub, keinen Restaurantbesuch, keine Shoppingtour ins Stadtzentrum, für alle! Auch die reicheren Nachbarn müssen zuhause bleiben und die Superreichen können nun nicht mehr zwischen ihren auf dem ganzen Erdball verteilten Wohnungen hin- und herjetten. Damit entfällt ein großer Teil des aktuell möglichen Distinktionskonsums, und das tut nicht nur den vergleichsweise „Armen“ gut, es tut auch der Erde gut.

Lassen wir einmal moralische Appelle und die Überlegungen zu Lebenssinn und Lebensqualität beiseite, ohne die auch v. Weizsäcker nicht auskommt: Ist unsere Welt nicht schon so eingerichtet, dass wir uns schwer tun werden mit dem Erreichen von Klimazielen? Die Wirklichkeit ist tatsächlich entmutigend, schließlich gibt es viele geradezu leidenschaftliche Versuche von Menschen, ihren Fußabdruck zu verringern: Keine Flüge, kein Auto, kein Fleisch, Pullover statt Heizung, kein Plastik, usw., und doch, sie kommen höchstens in die Nähe von 5 Tonnen. Und wir wissen, dass wir von unseren 10 Tonnen auf 2 Tonnen kommen müssen, um unsere Lebensgrundlagen nicht zu zerstören. Auch hier geht es um den viel unvorstellbareren Faktor 5!. Und wir haben keine Ahnung, wie wir das unter den Bedingungen der aktuell sich darstellenden Lebenswelt machen sollen. Sind wir zu reich, um überhaupt in die Nähe dieses Zieles zu kommen? Unsere Häuser, die Einrichtungsgegenstände, unsere elektronischen und elektrischen Hilfsmittel, unsere öffentlichen Infrastrukturen wie Straßen, Bildungseinrichtungen, medizinischen Versorgungssysteme unsere Konsummuster usw., sie bürden uns eine erdrückende CO2-Last auf. All das muss gebaut, produziert, gewartet, geheizt, erneuert, recycelt werden.

Was ist zu tun? Klar ist nur, dass der fehlende Mut zu wirksamen ordnungspolitischen Regelungen einfach blanke Verantwortungsverweigerung ist.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.