Weil es kein Außen mehr gibt, sind die Menschen eine einzige Schicksalsgemeinschaft

Der ehemalige Fußballnationalspieler und Erfolgstrainer Jupp Heynckes sorgt sich nun auch um die Umwelt. In einem Interview im Mai 2020 äußerte er sich mit dem Satz „Manchmal habe ich mir sogar gedacht, eigentlich müsste ich bei einer Klimademonstration mitmarschieren.“ Bei Jupp Heynckes sieht das mit den Wörtern „eigentlich“ und „manchmal“ noch wie eine zögerliche Artikulierung eines anderen Verhältnisses zur Umwelt aus. Das klingt bei Bono, dem Sänger der Band U2, ohnehin bekannt für sein vielfältiges Engagement, ganz schnörkellos eindeutig: „Wie wir an einem Ort leben, beeinflusst das Leben an jedem anderen Ort. Keiner von uns ist wirklich eine Insel.“ Diesem Statement ist nichts hinzuzufügen, jetzt müssten wir ihn nur noch zum Präsidenten der USA, ach, das geht leider nicht, er ist Ire, dann aber wenigsten zum CEO einer sehr einflussreichen Firma machen.

Für Umweltengagierte und Klimaschützer gehört der Satz von Bono zur Liste der wichtigsten Klimaschutzbotschaften. Bis zu einer solchen Wahrnehmung war allerdings ein weiter Weg. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich eine Sensibilität für die Lebensumwelt unsere Spezies sehr langsam entwickelte. Das ist nachvollziehbar, da die Eingriffe unserer Vorfahren zunächst sehr lokal waren und erst allmählich die Dimensionen von heute annahmen.

Die Wahrnehmung von Veränderungen

So genau wissen wir nicht, wann Menschen zum ersten Mal darüber nachgedacht haben, wie sie ihren Lebensraum verändern und welche Folgen das haben könnte. Ich vermute, dass die Jäger, die am Rande des Eisschildes am Ende der letzten Eiszeit eines der letzten Mammuts erlegt haben und trunken von der Jagd um den wertvollen Fleischberg herumtanzten, nicht darüber nachdachten, was sie mit ihrer Jagd auslösten: für ihre Nachfahren würden sich mit dem Verschwinden der Mammuts ein paar Versorgungsmuster ändern. Es kann auch sein, dass die Sippen der Steinzeit, die im 4. Jahrtausend die damals grüne Sahara durchstreiften, wahrgenommen haben, dass ihre Welt trockener und die Beutetiere weniger wurden. Sie sind weitergezogen oder einfach untergegangen wenn sie nicht schnell genug reagierten. Die Welt war groß und Platz gab es bei geschätzten ein bis zehn Millionen Menschen.

Eine Wahrnehmung von der Endlichkeit der materiellen Güter, von der Gefahr eines Verlustes der Lebensgrundlage, gab es auch in der Antike nicht. In Italien wie in Griechenland gab es genug Ressourcen. Nicht einmal die Griechen, die doch in der Lage waren, über das Glück, die Beschaffenheit der Materie oder über Zahlen nachzudenken, mit ihrer Fähigkeit, aus den einzelnen Beobachtungen auf das Allgemeine zu schließen, schafften diesen Schritt: Was geschieht, wenn wir weiterhin die Bäume um uns abhacken? Immerhin, registriert wurden allgemeine Veränderungen, wie Platon in seinem Kritias beweist. Dort heißt es: „Damals aber, als es noch unversehrt war, waren seine Berge hoch und mit Erde bedeckt, und ebenso waren seine Ebenen, welche jetzt als Steinboden bezeichnet werden, voll fetter Erde, auch trug es vieles Gehölz auf den Bergen, von welchem es auch jetzt noch deutliche Spuren gibt. […] Ferner genoss es einer jährlichen Bewässerung vom Zeus, und verlor dieselbe auch nicht wieder, wie jetzt, wo sie von dem dünnen Fruchtboden ins Meer abfließt“ Aber mehr war nicht, auch bei den Römern nicht, obwohl zum Ende der Römerzeit schon so gut wie alle küstennahen Regionen des Mittelmeerraums abgeholzt waren; für den Bau von Schiffen, für die Beheizung der Thermen, für die Gewinnung von Erzen usw. Einigen war durchaus bewusst, was da geschah, das belegt die wohl ausführlichste naturkundliche Enzyklopädie (Naturalis historia) des Altertums von Plinius dem Älteren. Es ist erstaunlich, dass er damals schon die ökologische Problematik der Rohstoffförderung erahnt hat. Abraumhalden sind demnach keine erstmals von uns wahrgenommenen Folgen menschlicher Aktivitäten. Statt riesiger Maschinen förderten eben Sklaven in vielen Teilen des Römischen Reiches Gold, Silber, Eisen, Blei, Zinnober usw. Konsequenzen hatten diese Beobachtungen keine, es gab vielleicht genug von allem.

Bis in die Neuzeit war jeder Hektar Land, der der Wildnis abgerungen wurde, ein Sieg des Menschen über die unzivilisierte Natur. Bei Odysseus war es noch das Wohlwollen der Götter, das die unkontrollierbare Übermacht der Natur bändigen konnte; ob er nun mit Gestalten wie Polyphem oder mit Skylla und Charybdis kämpfte. Und auch wenn Themistokles in der Lage war, eine Sonnenfinsternis vorauszuberechnen, unsere Vorfahren hatten dem unbekannten Horizont der möglichen Ereignisse vergleichsweise wenig entgegenzusetzen. Verständlich also die Angst vor dem Ungewissen, vor Seuchen, Pest, Sommern, in denen das Getreide nicht ausreifen konnte, Übel, die das Überleben in Frage stellten. Wie tief diese Angst war, das hat Matthias Grünewald auf der linken Tafel des Isenheimer Altars bedrückend deutlich gemalt.

Schon die Gärten der Renaissance waren ein Gegenentwurf zur Wildnis gewesen, sie sollten Harmonie und Ordnung zeigen, waren inszenierte gezähmte Natur, perspektivisch korrekt; abgegrenzt durch Mauern gegen die unberechenbare Wildnis. Ihre Harmonie und Schönheit, ihre Proportionen faszinieren uns ja heute noch. Nicht viel anders die Gärten im Barock, auch hier wieder der alles durchdringende Wunsch, die böse Natur in diesmal neue Formen zu zwingen.

James Fenimore Coopers Vorstellungen von der Zurichtung dieser Welt für den Menschen ist Mitte des 18. Jahrhunderts immer noch weitgehend die seiner Vorfahren, die 1620 mit der Mayflower den neuen Kontinent betreten hatten: Die Pilgerväter sahen ihre neue Heimat mit biblischen Augen als eine Welt, die voller Heiden war, ein wüstes Land, das im doppelten Sinn gezähmt werden musste. Und so heißt es in Coopers Roman Conanchet „…und sie und ihre Nachkommen hatten schon manche breite Strecke wüsten Landes in lachende Fluren und anmutige Dörfer umgewandelt.“ Der Untergang nordamerikanischer Indianerstämme durch vorrückende europäische Siedler, in seinem „Lederstrumpf“ mit viel Empathie beschrieben, sah er wohl als Kollateralschaden. Als jugendlicher Leser habe ich jedoch mit Chingachgook und Uncas, dem letzten Mohikaner, gefiebert und den Untergang ihrer Welt bedauert.

Das Ende der Naivität und die Erfindung der Nachhaltigkeit

Schon einige Zeit vorher hatte Jean Baptiste Colbert, der Minister von Ludwig XIV. festgestellt, dass Frankreich das Holz für seinen Flottenbau ausging, nun, es ging um Macht und das Überleben eines Königreichs. Die Konsequenz war eine große Waldreform. (etwa um 1660) Davon hat der aus dem sächsischen Freiberg stammende Hans Carl von Carlowitz gelernt und den Begriff Nachhaltigkeit geprägt, ein Begriff, der nun zum Etikett für alles geworden ist, was als zukunftsfähig vermarktet oder gerechtfertigt werden soll. Er schreibt im Jahr 1713: „Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kommt, da wächst der Menschen Armuth und Dürftigkeit. Es lässet sich auch der Anbau des Holzes nicht so schleunig wie der Acker-Bau tractiren; … Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß, und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentbehrliche Sache ist, ohnewelche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“

Das Wort „Nachhaltigkeit“ ist ein Kind der Krise, vorher war zwar Wahrnehmung, aber keine Konsequenz. Einer, der die Folgen von Eingriffen in die Natur dann tatsächlich für viele Naturräume sehr öffentlichkeitswirksam schilderte, war Alexander von Humboldt. Auf seiner großen Reise kam er an den Valencia-See in Venezuela, dessen Wasserspiegel, so wurde es Humboldt berichtet, von Jahr zu Jahr fiel. Er hat nach sorgfältigen Untersuchungen die abgeholzten Wälder dafür verantwortlich gemacht und beschrieb erstmals, welche problematischen Einflüsse menschliche Eingriffe haben können: „Zerstört man die Wälder, wie die europäischen Ansiedler allerorten in Amerika mit unvorsichtiger Hast thun, so versiegen die Quellen oder nehmen doch stark ab.“ Er sah die großen, aus heutiger Sicht können wir sagen, die größeren Zusammenhänge, die räumlich begrenzten Auswirkungen auf Ökosysteme, und er bezeichnete die menschlichen Eingriffe als „incalculabel“. Nun, den Begriff kennen wir inzwischen gut von den Diskussionen um die unberechenbaren Folgen der Klimaveränderungen.

Die Erde gleicht, so der Philosoph Peter Sloterdijk mit einer Charakterisierung der Corona-Pandemie, einer einzigen großen Petrischale. Dieses Bild gilt auch für die Klimakrise: Die Folgen unserer Eingriffe sind nicht mehr beschränkt auf unsere unmittelbare Umgebung, nicht einmal einen Kontinent. Es gibt nur noch diese eine Oberfläche, und das weiß hoffentlich nicht nur der Sänger Bono.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.