Festakt für das CO2-Monster“, diese Überschrift wählte Spiegel Online anlässlich der offiziellen Eröffnung des Kohlekraftwerks Moorburg bei Hamburg im Jahr 2015. Die beiden Blöcke mit insgesamt 1650 Megawatt Leistung waren schon Monate vorher in Betrieb gegangen und hatten 3 Mrd. Euro gekostet, doppelt so viel wie geplant. Knapp zehn Jahre zuvor war die Entscheidung für den Bau gefallen und ich frage mich verwundert, ob es nicht damals schon so etwas wie Klimawandel gab. Tatsächlich fand 2006 die COP12, also schon die 12. Klimakonferenz in Nairobi statt. Und im gleichen Jahr gab es vom Weltklimarat (IPCC) unmissverständliche Sachstandsberichte mit Kurzfassungen für Politiker. Schon 2001 stand im Bericht des IPCC kurz und knapp zu lesen: Eine wachsende Anzahl Beobachtungen ergibt ein kollektives Bild einer sich erwärmenden Erde und anderer Veränderungen im Klimasystem

Ja, es ist leicht, aus der Perspektive des Jahres 2020 solche Entscheidungen mit zornigem Unverständnis zu betrachten. Von nun an, das scheint folgerichtig, von nun an werden solche Fehlinvestitionen in eine gestrige Energieversorgung unmöglich sein, aus Gründen des Klimaschutzes und aus der Perspektive eines Investors, der auch an Renditen denkt. Aber offensichtlich haben wir doch Schwierigkeiten, uns von der Vorstellung zu lösen, wir könnten wie die letzten 200 Jahre von den fossilen Ablagerungen des Karbonzeitalters leben.

Die Milliarden, die als Ausgleich für den Braunkohletagebau nun zur Verfügung stehen, zeigen ein Problem auf, das nicht nur den Braunkohletagebau betrifft: Was wird mit der Infrastruktur, die von einer fossil befeuerten Kultur geschaffen wurde? Das fragt insbesondere auch der Amerikaner Jeremy Rifkin in seinem Buch Der globale Green New Deal.

Das Beispiel Erdgas schürt Zweifel, ob wir dazugelernt haben. Erdgas galt lange Zeit als die klimafreundlichste fossile Energie, denn bei der Verbrennung wird im Vergleich zur Kohle nur etwa halb so viel CO2 freigesetzt. Aber klimafreundlich ist es deshalb noch lange nicht. Hinzu kommen viele unfreiwillige Methanquellen – damit meine ich nicht die tauenden Permafrostböden: Biogasanlagen, Pipelines, das Frackingverfahren, sie alle setzen Methan frei. Laut Weltklimarat (IPCC) verursacht Methan in den ersten 20 Jahren nach seiner Freisetzung einen rund 87 Mal stärkeren negativen Klimaeffekt in der Atmosphäre als CO2. Bezogen auf einen Zeitraum von 100 Jahren wäre der Klimaeffekt im Vergleich zu CO2 immer noch 36 Mal stärker.

Aber gerade handeln wir so, als sei Erdgas die Zukunft und für die Rettung des Klimas entscheidend. Wer redet uns das ein? Na, zum Beispiel Shell PrivatEnergie, der zuverlässige Gasanbieter, der dann schon mal behauptet, Erdgas könne helfen, den Herausforderungen durch den Klimawandel zu begegnen und die Luftqualität zu verbessern indem es Kohle und Diesel ersetzt. Ähnliche Aussagen gibt Zukunft ERDGAS e. V. von sich. Dieser Verband verpackt seine Leidenschaft für Erdgas besonders geschickt: Alljährlich wird ein CO2-Tag an dem Tag begangen, an dem Deutschland das ihm zustehende CO2-Budget vollständig erschöpft hat (inzwischen ist dieser Tag in den April gerutscht.). Damit wird öffentlichkeitswirksam auf den Klimawandel aufmerksam gemacht und gleichzeitig Erdgas als Retter des Klimas präsentiert.

Braucht Europa überhaupt das Nord-Stream-Gas? fragte die DW (Deutsche Welle, Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland und ein Mitglied der ARD) schon Anfang des Jahres 2019. Diese Pipeline finanziert ausnahmsweise (anders als bei der Gleichstromleitung HGÜ) mal nicht der Steuerzahler. Finanziert wird das Ganze von Gazprom und Firmen aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Großbritannien und den Niederlanden, Firmen, die offensichtlich ein Riesengeschäft erwarten. Die DW ist mit ihrer Skepsis nicht allein, auch das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) sieht keinen energiewirtschaftlichen Bedarf für diese Pipeline. Diese Investitionen lassen sich nicht nur langfristig, angesichts des Tempos der Klimakrise sogar kurzfristig, als gestrandete Investitionen bezeichnen. Anstatt in den Ausbau von Häfen zu investieren für die Anlandung von amerikanischem LNG, anstatt viel Geld in Nord Stream 2 zu stecken, sollte dieses Kapital für den Ausbau einer Infrastruktur für das grüne Gas genutzt werden. Grünes Gas ist ein synthetisch hergestelltes Gas – in der Regel Wasserstoff – oder Biogas, genauer Biomethan. Wasserstoff kann mittels Elektrolyse aus Strom gewonnen werden (Power-to-Gas-Verfahren), in weiteren Prozessschritten auch zu Methan. Stammt der Strom dafür aus Erneuerbarer Energie, so bezeichnet man dieses Gas als erneuerbar.

Das ist die eine kritische Betrachtung der aktuellen Praxis. Wie sieht es aber mit der oben genannten CO2-Freundlichkeit bei LNG aus Russland oder den USA aus? Für eine mehr als zurückhaltende Einschätzung gibt es zwei unterschiedliche Gründe. Zum einen ist offensichtlich, dass für das Gas aus den USA die Kette aus Verflüssigung, Transport und Wiederverdampfung sehr kostenintensiv ist. Diese Kette ist vor allem äußerst energieintensiv. Und nicht nur das: Die während der Produktion beim Fracking und beim Transport freigesetzten Methan-Emissionen belaufen sich auf Größenordnungen, die Erdgas, zusammen mit den gerade genannten Faktoren, so klimaschädlich wie Kohle machen. Selbst das BMU (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit) kommt zu dem Schluss Wir gehen davon aus, dass durch Fracking gewonnenes und mittels LNG importiertes Erdgas im Vergleich zur Kohle in der Regel keine Treibhausgasminderung mit sich bringt. Da frage ich mich, warum die Bundesregierung dieses absurde Spiel mitspielt und Steuergelder in Infrastrukturen (90 Millionen für Brunsbüttel für die Anlandung des Frackinggases) ) investiert, deren Verfallsdatum jetzt schon abzusehen ist.

Fragwürdig sind diese Investitionen vor allem dann, wenn wir einen Kostenvergleich von Erdgas und Erneuerbaren Energien anstellen. Die Consultingfirma Brattle Group kommt schon im Jahr 2016 in einer Stellungnahme zum Schluss, dass die Investition in LNG äußerst riskant ist. Sowohl die Infrastrukturkosten als auch die Erzeugungskosten könnten langfristig nicht mit den Erneuerbaren Energien mithalten. (vgl. dazu Jeremy Rifkin)

Es ist geradezu unglaublich, in welchem Tempo die Erneuerbaren Energien ernsthafte Konkurrenten für die fossilen Energieträger geworden sind. Die folgende Tabelle zeigt, dass Wind und Sonne unschlagbar sind. – selbst wenn wir die in der öffentlichen Wahrnehmung übersehenen Folgekosten der fossilen Energieträger unberücksichtigt lassen. Vor allem die Kosten für Solarstrom sind in einem geradezu unvorstellbaren Tempo gefallen. Allerdings muss hier angefügt werden, dass die 4,7 Ct/kWh Solarstrom nicht für eine 10-kWp-Anlage auf einem Hausdach gelten. Im Falle dieser kleinen Anlagen ist die Frage nach den tatsächlichen Kosten insofern auch komplizierter, da der Anteil des Selbstverbrauchs eine Rolle spielt: Je mehr des erzeugten Stroms selbst verbraucht werden, umso niedriger werden für den Anlagenbetreiber die Stromkosten. Grundsätzlich können wir für eine PV-Anlage in einer Größenordnung von 10 – 20 kWp auf einem der üblichen Ein- oder Mehrfamilienfamilienhäuser eine Rendite von mindestens 4% erwarten – ohne Speicher. Die hier angegebenen 4,7 Ct. gelten (im Jahr 2020) für Anlage in einer Größe von etwa 20 MW. Dafür ist eine Fläche von etwa 20 ha, also ungefähr die Fläche von 25 Fußballfeldern notwendig.

Dass die Zeiten sich tatsächlich ändern, das machte die Diskussion um die Carmichael-Kohlemine in Australien Ende des Jahres 2019 deutlich. Die Zeitung taz berichtet dazu, dass das Kohleprojekt aus der Sicht des Analysten Tim Buckley unbankable, also nicht finanzierbar sei. Die Mine müsste mit mindestens 2,7 Milliarden Euro vom Bundesstaat Queensland und der australischen Regierung unterstützt werden. Darunter befindet sich ein direkt mit Steuergeldern finanzierter Kredit von 1,5 Milliarden Euro, denn ohne staatliche Hilfe wäre die Carmichael-Mine am Ende. Kein Investor, auch nicht die Deutsche Bank, sieht den Kohlebergbau als eine zukunftsfähige Technologie.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.