Welche Konsequenzen hat ein CO2-Preis, der es uns erlaubt, die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen?

Hat unsere Bundesregierung nicht gerade für das Jahr 2021 ein neues Emissionshandelssystem für fast alle CO2-Emissionen eingeführt? Ist das nicht endlich das ersehnte verantwortungsvolle Handeln, das uns die Sorgen um die Zukunft nehmen kann? Naja, das Benzin wird vielleicht so etwa 7 Ct/Liter teurer werden, das empfinden manche als richtig hart, aber unter dem Aspekt der Gesamtkosten eines Autos sind das gerade mal 2- 3%. Für 100 km bei einem Verbrauch von 6 l/100 km sind das 42 Ct.  Bezogen auf die Jahresfahrleistung eines PKW von 13 000 km kommen dann für das Jahr 130 x 0,42 € zusammen, das sind gut 50 Euro. Für die meisten ist das okay, nun gut, einige empfinden das als unverschämte Zumutung.

Wer mehr für den Klimaschutz machen und sein Gewissen beruhigen will, die oder der kann bei einer der vielen Unternehmen wie etwa atmosfair ihr/sein Gewissen beruhigen. Für einen Hin- und Rückflug nach Mallorca für eine Person liefert atmosfair als Ergebnis einen CO2 Ausstoß von 568 kg. Ein ruhiges Gewissen bekommen die Urlauber dann für exakt 14 € angeboten. Dafür bekommt man am Ballermann gerade mal einen Strohhalm für den Eimer mit Sangria!

https://www.atmosfair.de/de/kompensieren/flug/

So teuer ist ein gutes Gewissen also gar nicht, nun ja, ein Flug nach New York und zurück müssten dann doch schon mal mit 84 € für knapp 4 Tonnen CO2 kompensiert werden. Aber eigentlich müssen die meisten Deutschen gar keine übermäßig großen finanziellen Belastungen für ein gutes Gewissen fürchten. Selbst wenn jemand um die halbe Welt flöge, und das vielleicht gleich mehrmals und wenn dieser Mensch lebte wie im Schlaraffenland: Die Kompensation von 50 Tonnen CO2 kostet bei atmosfair gerade mal 1150 Euro. Um das zu stemmen, muss man nicht zu den 1% der deutschen Spitzenverdiener zählen. Und das Beste: Das lässt sich auch noch von der Steuer absetzen! Je höher das Einkommen, umso billiger also das gute Gewissen! Das zahlen viele doch aus der Kaffeekasse!

Spinnen wir diese Rechnung mal weiter: Im Durchschnitt verursachen wir Deutsche pro Kopf im Jahr 11 Tonnen CO2.  2 Tonnen sind das Ziel, also müssten durchschnittlich 9 Tonnen kompensiert werden. Das kostet, gerechnet mit der oben genannten Seite genau 207 Euro pro Kopf. Rechnen wir das mal auf 80 Mio. Bundesbürger hoch, dann macht das 16,5 Mrd. Euro für alle Deutschen aus – so geht gutes Gewissen. Das ist nicht wenig, aber es ist keine erschreckend hohe Zahl – spätestens seit der Coronakrise haben wir uns ja an hohe Zahlen gewöhnt. Zum Vergleich: Die Grundrente kostet den Steuerzahler 1,2 Mrd. für das nächste Jahr, im Jahr 2025 etwa 1,9 Mrd. Euro. Jährlich! Für den Kohleausstieg bekommen die betroffenen Regionen 40 Milliarden Euro für den Strukturwandel. 4,35 Milliarden Euro erhalten die Betreiber für das vorzeitige Abschalten.

Verschaffen uns diese Kompensationen tatsächlich ein gutes Gewissen? All diesen Berechnungen liegt ein CO2-Preis von etwa 23 Euro pro Tonne zugrunde. Ist das angemessen, oder genauer, rettet das unsere Welt wie wir sie gerne behalten möchten? Die Frage lautet also: Gibt es einen fairen und wissenschaftlich begründeten CO2-Preis? Und wie hoch müsste der dann sein, um z. B. die globalen Klimaschutzziele des Pariser Klima-Abkommen erreichen zu können?

Nun, die Grünen forderten 2019 noch als Einstiegspreis 40 €/Tonne, das klingt sehr moderat. Der BUND fordert bis 2030 einen CO2-Preis von 200€ pro Tonne. Die „Fridays for Future“- Bewegung verlangt auf der Grundlage von Berechnungen des Umweltbundesamtes (UBA) einen Preis von 180 Euro pro Tonne CO2, aber jetzt gleich! Und nochmal kurz zum Luftholen die oben gestellte Frage: Was wäre der wissenschaftlich begründete Preis? Die Vorgaben des Umweltbundesamtes (UBA) klingen zunächst recht harmlos: „Wir müssen dahin kommen, dass die Preise unserer Produkte die ökologische Wahrheit sagen!”, dem können wir prinzipiell zustimmen. Aber dann: Eine Tonne CO2 verursacht nach UBA-Berechnungen Schäden von rund 640 Euro in den nächsten 100 Jahren. „Mit dem Kostensatz von 640 Euro je Tonne CO2 werden die Schäden, die zukünftigen Generationen entstehen, genauso gewichtet wie die, die der heutigen Generation entstehen.”, erläutert UBA-Expertin Matthey den hohen Preis. So sieht Generationengerechtigkeit und Fairness aus! Es gibt ja Menschen, die verursachen nicht einmal 2 Tonnen CO2!) Damit wir uns das ungefähr vorstellen können: Laut UBA hinterlässt ein Kurzstreckenflug von 1000 Kilometern pro Passagier Umweltschäden von rund 235 Euro. Bei atmosfair bekomme ich das für den Schnäppchenpreis von 23€. So weit liegen diese Welten auseinander! Und jetzt wird auch deutlich, dass konsequenter Klimaschutz den Lebensstil fast aller Menschen verändern wird. Dann lässt sich das nicht mehr aus der Kaffeekasse zahlen, und nur noch die wirklich Reichen können die Kosten schulterzuckend abtun.

Und damit nicht immer glauben, nur wir Deutsche würden etwas für den Klimaschutz tun:

Schon ein Preis von 180€/Tonne kann uns schaudern machen – wenn wir die Konsequenzen bedenken: Da würde ja der Liter Benzin demnächst gleich mal 50 Cent mehr kosten als jetzt. Und was kosten dann Heizöl oder Gas, mit dem wir unsere Wohnungen heizen? Wie schlägt sich das auf die Preise für die Güter des täglichen Gebrauchs nieder? Höhere Transport- und Produktionskosten würden sie in einem Maße verteuern, das wollen wir jetzt erst mal nicht so genau wissen.

 

Es geht nicht nur um Generationengerechtigkeit oder Fairness, es geht auch darum, diesen Umbau sozialverträglich in unserer Gesellschaft zu gestalten. Die Fragen nach gerechteren Regeln und Institutionen, nach einer neuen Sozial- und Steuerpolitik, werden uns in den nächsten Jahren beschäftigen, und sie werden nicht so einfach zu beantworten sein.  Auf seiner Blogseite

https://bytesforbusiness.com/kapital-und-ideologie-der-franzosische-starokonom-meldet-sich-erneut-zu-wort/

hat mein Sohn Sebastian diese Thematik andiskutiert und gezeigt, dass der französische Ökonom Thomas Piketty gut durchdachte, ja, wenn nicht gleich Lösungen, so doch Lösungsansätze anzubieten hat.

Und weil wir Menschen sind: Am Horizont unserer Hoffnungen suchen wir manchmal mutlos, mitunter auch zuversichtlich, dass da etwas auftauche, das uns diese Zumutungen ersparen könnte: Von Wasserstoff bis zu neuen Batterietypen, von SuedLink bis zu genmodifizierten Organismen. Vieles wird helfen, ja, aber wir werden auch lernen, mit den Veränderungen zu leben. Da hilft vielleicht der Satz aus dem Roman „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa:  “Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, dann muss sich alles ändern.“

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.