Haben sie vorgesorgt?  Vielleicht mit einem vollen 20.000-Liter Öltank im Garten oder in Ihrem Keller? Mit Gas geht das ja leider nicht, da sind Verbraucher den Kostensteigerungen fast hilflos ausgeliefert. Es sei denn, sie sind schon unabhängig von Öl und Gas.

Großen Energieversorgen stehen für Wege, weiterhin Geld zu verdienen, mehr Möglichkeiten zur Verfügung als den Verbrauchern. Das Handelsblatt schreibt Ende September 2021 Die Kohle ist zwar ein Auslaufmodell, trotzdem wird RWE noch blendend an ihr verdienen – weil Deutschlands größter Stromkonzern gut gezockt hat.“ [1] Das Rezept war einfach: Im Moment kostet ein ETS-Zertifikat, das zum Ausstoß einer Tonne CO2 berechtigt, rund 60 Euro und es braucht nicht viel Fantasie vorauszusagen, dass dieser Preis noch steigen wird. (Zertifikate sind nicht zu verwechseln mit der CO2-Steuer!) Eigentlich also würde das Verstromen von Kohle immer teurer. RWE jedoch kaufte seit Jahren diese Zertifikate zu einem deutlich niedrigeren Preis auf – 5 € kostete das Zertifikat noch vor kurzem. Der Konzern kann nach Aussage des Handelsblattes demnach bis 2030 günstig Strom aus Kohle produzieren.

Die Finanzstrategen von RWE haben also klug gehandelt. Das passt zu den Beobachtungen, dass Börsenanalysten schon längst das vorweggenommen haben, was Politiker standhaft übersehen wollen: Die Klimaschutzmaßnahmen werden unser Leben verändern, sie werden es vor allem empfindlich teurer machen.

Richtig zu reagieren auf die Veränderungen, das heißt vor allem klug zu investieren, setzt demnach voraus, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Das gilt für uns Verbraucher genauso wie für Firmen, vor allem für Energiekonzerne. Es ist geradezu fahrlässig, die endlichen finanziellen Ressourcen in sinnlose Projekte zu stecken. Dafür gibt es Beispiele genug, in der Welt der großen Energieversorger genauso wie im Privaten. Für „stranded investions“, also sinnlos versenktes Geld, müssen Firmen wie BP, Vattenfall usw. gerade Investitionen in Höhe von Billiarden abschreiben. Ein paar Beispiele aus Deutschland gefällig?

Der Bau des Kohlekraftwerk Moorburg bei Hamburg kostete 3 Milliarden Euro, es ging im Jahr 2015 mit großem Trara ans Netz– und wurde 2020 stillgelegt.[2] Natürlich zahlen wir Steuerzahler die Stilllegungsprämie! Knapp zehn Jahre zuvor war die Entscheidung für den Bau gefallen und ich frage mich verwundert, ob es nicht damals schon so etwas wie Klimawandel gab. Tatsächlich fand 2006 die COP12, also schon die 12. Klimakonferenz in Nairobi statt. Und im gleichen Jahr gab es vom Weltklimarat (IPCC) unmissverständliche Sachstandsberichte mit Kurzfassungen speziell für Politiker. Schon 2001 stand im Bericht des IPCC kurz und knapp zu lesen: „Eine wachsende Anzahl Beobachtungen ergibt ein kollektives Bild einer sich erwärmenden Erde und anderer Veränderungen im Klimasystem“

Und was ist mit Datteln 4? Die Meldung des BUND vom 1. September 2021 lautete: „Das Oberverwaltungsgericht in Münster gab am Donnerstag vergangener Woche unserer Klage gegen das Kohlekraftwerk Datteln 4 recht. Datteln 4 hätte so nie gebaut werden dürfen!“ [3] Jetzt können wir zusehen, wie diese Milliardeninvestition zu Staub zerfällt, natürlich mit Kosten für den Steuerzahler.

Und North Stream 2? Zwar lieferte eine aktuelle Meldung von wallstreet-online.de einen Lichtblick für die Investoren: „Bei Gazprom und Nord Stream 2 hat sich zuletzt ein absolut positiver Newsflow ergeben. Insbesondere die Fertigstellung war ein wichtiger Meilenstein, der auch den Betrieb näher bringt.“[4]  Aber abgesehen von den politischen Verwicklungen bleibt die Frage: „Braucht Europa überhaupt das Nord-Stream-Gas?“, die DW (Deutsche Welle, Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland und ein Mitglied der ARD) schon Anfang des Jahres 2019 stellte.[5] Finanziert wurde die Pipeline von Gazprom und Firmen aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Großbritannien und den Niederlanden. Die DW ist mit ihrer Skepsis nicht allein, auch das DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) sieht keinen energiewirtschaftlichen Bedarf für diese Pipeline. Diese Investitionen lassen sich nicht nur langfristig, angesichts des Tempos der Klimakrise sogar kurzfristig, als gestrandete Investitionen bezeichnen.

Wie sollen Bürgerinnen und Bürger investieren?

Welche Investitionsfallen gibt es für Bürgerinnen und Bürger? Brauchen Sie eine neue Heizung? Natürlich finden Sie Heizungsbaufirmen, die Ihnen gerne noch eine Ölheizung einbauen. Das garantiert künftige Einnahmen, denn diese Heizung wird Sie in den kommenden Jahren arm machen. Brauchen Sie ein neues Auto? Natürlich finden Sie tolle Verbrenner, aber auch damit werden Sie künftig weniger Spaß als bisher haben. Es wäre sehr verwunderlich, wenn die von der alten Bundesregierung beschlossene CO2-Steuerpläne lange Bestand hätten. So gut wie alle ernst zu nehmenden Institute und Umweltverbände sehen den CO2-Preis im Jahr 2030 bei knapp 200 €/Tonne. Die noch aktuellen Pläne sehen 55 €/Tonne vor, wie dieser Grafik zu entnehmen ist.

Was würde das für Heizöl oder Benzin/Diesel bedeuten?

Bei der Verbrennung von 1 Liter Heizöl entstehen 2,66 kg CO2, bei Benzin sind es 2,33 kg/Liter. Diese Preise treiben die Balken der obigen Grafik gewaltig nach oben, denn:

Das sind 53 Ct beim Heizöl und 47 Ct beim Benzin,  zusätzlich dem aktuellen Preis  wohlgemerkt. Viel Spaß an der Tanksäule!“ rufen dann schadenfrohe E-Autofahrer!

Was sind denn hilfreiche Hinweise?

Ich weiß nicht, wie viele Privatleute die Börsennachrichten so intensiv verfolgen, dass sie daraus die richtigen Schlüsse ziehen können. Was heißt es denn, dass das fossile Zeitalter zu Ende geht und Bilder wie dieses dann der Vergangenheit angehören?

Quelle AdobeStock[6]

Eine Meldung von Bloomberg vom 23. Juni 2021 ist unmissverständlich: Es ist billiger, neue große Wind- und Solarkraftwerke zu bauen und zu betreiben als ein schon existierendes Kohle- oder Gaskraftwerk weiter laufen zu lassen.[7] Das klingt wie eine Behauptung aus dem Mund von romantischen Aktivisten, die Bäume im Hambacher Forst besetzen oder die IAA in München belagern. Tatsächlich aber steht hinter dem Namen Bloomberg ein Informations-, Dienstleistungs-, Nachrichten- und Medienunternehmen mit Hauptsitz in New York City. Es liefert weltweit Geschäfts- und Marktdaten, analysiert Investitionsmöglichkeiten. Kurzum, wer wissen will, wo Geld gut angelegt ist, der kann sich bei Bloomberg informieren.

Diese Botschaft ist nicht die einzige Nachricht mit diesem Grundton, ähnlich klingt die IEA (International Energy Agency), die bislang eher als Sprachrohr der fossilen Brennstoffe aufgefallen war. In ihrem World Energy Outlook 2020 heißt es: „Solar is officially the cheapest form of energy in history”[8] Also: Sonnenenergie ist die billigste Energy in unserer Geschichte!

Das genügt als Grundlage der weiteren Überlegungen, denn ohne die Offenlegung der Fakten und Zusammenhänge können weder die VerbraucherInnen noch die Entscheidungsträger in Brüssel oder Berlin gute Entscheidungen treffen. HausbesitzerInnen MieterInnen, Autokäufer usw. stehen vor einer Rechenaufgabe: Wofür brauche wie viel Energie, also Strom, Gas, Öl, Kohle oder Holz? Was kostet mich das aktuell und was wird mich das kosten, wenn die CO2-Steuer Jahr um Jahr steigt? Und schließlich: Was kann und sollte ich tun?  Kurzum, wir sollten uns informieren, was unvermeidbar auf uns zukommt!

Alle Studien zeigen in die gleiche Richtung

Eine aufbauende Stimme wäre da jetzt willkommen. Aus der Flut der Studien zum Thema Klimaneutralität wähle ich die Studie der „Agora Energiewende[9], aber nicht, weil sie die ermutigendste ist. Der Tenor vieler dieser Untersuchungen ist ähnlich, sie haben unterschiedliche Schwerpunkte und sicherlich lässt sich über manche Annahmen streiten.  In der Studie der Agora Energiewende gibt es ein paar gute Hinweise, die auch Verbrauchern helfen können. Am Anfang  steht die Zusicherung, dass die Energiewende machbar ist, das ist schon mal ermutigend. Die Aussagen, die im bisherigen Kontext jedoch wichtig sind, sind die im folgenden Text  fett geschriebenen:

 

Ein klimaneutrales Deutschland 2050 ist technisch und wirtschaftlich im Rahmen der normalen Investitionszyklen in drei Schritten realisierbar. In einem ersten Schritt sinken die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent. Der zweite Schritt nach 2030 ist der vollständige Umstieg auf klimaneutrale Technologien, sodass die Emissionen um 95 Prozent sinken. In einem dritten Schritt werden nicht vermeidbare Restemissionen durch CO2-Abscheidung und -Ablagerung ausgeglichen.

Der Weg in die Klimaneutralität ist ein umfassendes Investitionsprogramm, vergleichbar mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er/60er-Jahren. Kernelemente sind eine Energiewirtschaft auf Basis Erneuerbarer Energien, die weitgehende Elektrifizierung, die smarte und effiziente Modernisierung des Gebäudebestands sowie der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft für die Industrie. Dies steigert zugleich die Lebensqualität durch weniger Lärm und Luftschadstoffe.

Also nochmal: „im Rahmen der normalen Investitionszyklen … und im Blick auf die weitgehende Elektrifizierung“

Das heißt für alle, die zukünftig etwas kaufen: Erstens nicht in Produkte mit Technologien investieren, die angesichts der Veränderungen keine Zukunft haben bzw. hohe Kosten verursachen werden. Das heißt, beim Heizungsbau, bei der energetischen Sanierung eines Hauses, beim Hausbau oder Hauskauf, bei der Anmiete einer Wohnung, beim Autokauf usw. daran denken, dass das Geld nur einmal ausgegeben werden kann.

Natürlich ist das mehr oder weniger theoretisch: Die Hälfte der Deutschen besitzt gar kein Haus, auf dessen Dach sie eine PV-Anlage montieren könnten. Wer zur Miete wohnt, hat bis jetzt keine andere Option als die Heizung herunterzudrehen. Viele können sich eine richtige energetische Sanierung ihres Hauses nicht leisten, wieder andere bekommen wegen des Alters keinen Kredit mehr.

Diese Unterschiede auszugleichen, das wird die politischen Entscheider beschäftigen.

 

 

[1]

[2] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/vattenfall-moorburg-energiewende-kohlekraft-101.html, Abgerufen am 13. 9. 2021

[3] https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/schwarzbau-datteln-4-wie-es-nach-dem-ovg-urteil-weitergeht/ abgerufen am 12. 9. 2021

[4] https://www.wallstreet-online.de/nachricht/14391918-gazprom-nord-stream-2-zertifizierung-noetig-oktober-start, abgerufen am 29. 9. 2021

[5] https://www.dw.com/de/braucht-europa-%C3%BCberhaupt-das-nord-stream-gas/a-47430064

[6] AdobeStock_105923443

[7] https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-06-23/building-new-renewables-cheaper-than-running-fossil-fuel-plants; abgerufen am 12. 9. 2021

[8] https://mymodernmet.com/solar-power-cheapest-energy/#:~:text=The%20IEA%20Announces%20Solar%20Power%20Is%20Now%20the%20Cheapest%20Form%20of%20Energy,-By%20Samantha%20Pires&text=Solar%20is%20officially%20the%20cheapest,of%20World%20Energy%20Outlook%202020. Abgerufen am 12. 9. 2021

[9] Agora Energiewende beruft sich auf Daten vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, die Prognos AG oder das  Öko-Institut e. V.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.