Was unsere Vorstellungen von Autonomie und Selbstverwirklichung mit der ökologischen Krise zu tun haben.

Die Überschrift dieses Beitrags stammt von einem Graffitti von Banksy. Es ist in riesiger Schrift auf einer Hauswand im Londoner Finanzdistrikt zu lesen. Im Original heißt es:

„Sorry! The lifestyle you ordered is currently out of stock“

Bekannt geworden ist Banksy vor allem durch die Zeichnung „Mädchen mit Luftballon“, das 2019 im Londoner Auktionshaus Sotheby‘s für 1,2 Millionen Euro versteigert wurde. Gerade als der Hammer fiel, zerfetzte ein im Bilderrahmen integrierter Schredder das Kunstwerk vor den entsetzten Augen der Auktionsbesucher. Über Banksy ist wenig bekannt, man vermutet, dass er aus Bristol stammt.

Wie ausführlich müssen wir uns tatsächlich mit unserem Lebensstil befassen? Zunächst einmal ganz knapp: Ein Lebensstil erfasst Attribute, die geeignet sind, zu zeigen, dass man dazugehört, gleichzeitig auch, um sich von anderen Menschen abzugrenzen. Mit Befremden betrachte ich Bilder meiner Großväter mit ihren lächerlichen Bärten, mit denen sie ihren Kaiser Wilhelm II. kopierten. Vor dem 2. Weltkrieg war das ein Muss, dafür nahmen sie auf sich, nachts eine Bartbinde zu tragen. Unsere Multioptionsgesellschaft bietet im Vergleich zur wilhelminischen Zeit ein ungleich größeres Arsenal an Gütern für ausdifferenzierte Lebensentwürfe.; ideal für Kauf- und Dienstleistungsanreize, die der Wirtschaft das  Wachstum sichern. Damit bin ich  bei den Themen Ressourcen und Klima.

In der Tat brauchen wir die Durchdringung der Hintergründe unserer Sehnsüchte oder für die „Gewohnheiten unserer Herzen“. Es gibt außerdem Menschen, die möchten wissen, warum sie reagieren wie sie reagieren. Nehmen wir z. B. noch bewusst die Repressivität unserer Konsumgesellschaft war, wie sie etwa der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini vor vielen Jahren schon thematisiert hat? Viele Eltern wissen, wie es sich anfühlt, wenn ihr Kind nicht die in der Klasse angesagten Kleider trägt und andere aktuelle Dress- und Konsumcodes vermissen lässt. Was sie da schmerzlich erleben, das sind die Auswirkungen einer wenig greifbaren repressiven Herrschaft und der trennenden Macht des Geldes. Der Kauf von Kleidern und anderen Konsumgütern bei Kindern und Jugendlichen wird inzwischen zur Hälfte von Influencern bestimmt, sie geben die Leitbilder vor. Wirkmächtiger als Zeitungen und Fernsehen hat es das Smartphone geschafft, in die feinsten Verästelungen vieler Herzen vorzudringen. Wie sonst kann es geschehen, dass ein 18jähriges Mädchen sich für tausende Euros das Fett an Bauch und Po absaugen lässt, um damit ihre Hüften nach Art der verehrten Influencerin modellieren zu lassen? Hier ist es augenfällig, dass das eher nichts mit Freiheit und Selbstbestimmung zu tun hat. Aber was ist mit unseren „normalen“ Gewohnheiten und Sehnsüchten? Sind sie der Beleg für unsere Autonomie, diesem Versprechen der Aufklärung, bringen sie das verheißene Leben in Fülle, diesem biblischen Versprechen?

Der in Harvard lehrende Philosoph Michael Sandel sagte im Jahr 2014 in einem Interview zum Thema „Was ist das gute Leben?“ folgendes: „Das moderne Selbst wählt frei und selbstbestimmt. Darin liegt ein Versprechen der Befreiung. Aber ich halte diese Vorstellung für eine Verarmung. Ein solches Selbst ist unvollständig. … Nicht alles, was uns ausmacht und bindet, hat mit freiem Willen zu tun. Nicht alle Bedeutungen entspringen der Autonomie, wie Kant sie verstand. Diese Autonomie würde uns von zu vielen Quellen des Sinns und der Interpretation abschneiden.“ Welche Quellen sollen das sein, die ein so großes Gewicht hätten, unsere Autonomie mit der damit einhergehenden Selbsterfüllung zu beschneiden?

 

Im Film „Wish I Was Here“ (2013) fragt die Hauptfigur Aidan den Rabbiner der jüdischen Privatschule, ob ihm die Schulgebühren für seine beiden Kinder nicht erlassen werden könnten, er wolle auf der Suche nach sich selbst erst einmal eine Schauspielschule besuchen. Als der Rabbiner ihn mit dem Argument abweist, das Geld werde für arme Familien gebraucht, fragt Aidan, was denn dann mit seinem Glück sei, wolle Gott nicht, dass er danach strebe? Nein, antwortete der Rabbi, das sei Thomas Jefferson gewesen mit seinem pursuit of happiness. Gott wolle, dass er seine Familie versorge. Mit so wenigen Sätzen lässt sich eine herrschende Ideologie zerlegen. Dass „Glück“ als Leitstern des Lebens nicht taugt, weil es inhaltlich völlig unbestimmt ist, das hat schon Sokrates mit seinem Krätzebeispiel vor Augen geführt: „Der glücklichste Mensch wäre der, der die Krätze hätte und sich immer kratzen darf.“, lässt ihn Platon in seinem Gorgias sagen.

Der kanadische Philosoph Charles Taylor geht in seinem Werk „Quellen des Selbst“ eben dieser Frage nach: Woher kommen unsere Vorstellungen von einem guten Leben? Die Antwort: Seit dem 18. Jahrhundert entwickelte sich die Idee, wonach jeder Mensch etwas Ureigenes ist, ein Individuum mit einem Potenzial, das entwickelt werden kann. Deshalb wird das Leben dort richtig gelebt, wo die Entwicklung und Gestaltung dieses Potenzials gelingt. Dieser subjektive Expressivismus, wie Taylor diese Vorstellung von einem guten Leben nennt, hat Auswirkungen, die immer unausweichlicher unsere Politik bestimmen – soziale und ökologische vor allem. Dieser Anspruch macht ja klar, dass es keine traditionellen Moralansprüche oder Güter außerhalb menschlicher Interessen mehr geben kann, die die persönliche Erfüllung eines Menschen behindern könnten. Diese Vorgabe vernebelt den Zusammenhang zwischen unseren Handlungen und ihren Folgen, sodass wir so leben können, wie wir es im Augenblick tun. Da z. B. die Natur nicht zu den anthropozentrischen Gütern gehört, nehmen wir ihr gegenüber eine instrumentelle Haltung ein. Unsere Fleischfabriken etwa bestätigen das hinreichend. Da wir auch unsere Mitmenschen als Instrumente unserer Selbsterfüllung sehen (sollen) und gegenüber unseren eigenen Gefühlen eine Haltung haben, die unser Innerstes spaltet, treibt dies einen Keil zwischen Vernunft und Sinnlichkeit. Das ist das Dilemma, in dem Aidan sich befindet und das Michael Sandel mit „Quellen des Sinns“ meint. Wenn unsere Bindungen zur Disposition stehen und damit ohne Tiefe und Resonanz bleiben, dann verschwindet Sinn.

Manche Motive der Demonstranten gegen die Corona-Einschränkungen könnten auch ein Beleg dafür sein, dass das Recht auf Selbsterfüllung selbst dann eingefordert wird, wenn es das Leben von Menschen gefährdet.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.