Ein Beitrag von Gastautor Sebastian Zang

Das Buch „Smarte Grüne Welt. Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ ist ein wichtiges Buch. Die Veröffentlichung liegt nun etwas zurück, nämlich in 2018, die beschriebenen Zusammenhänge haben jedoch nichts von ihrer Gültigkeit und Aktualität verloren. Die beiden Autoren Steffen Lange und Tilman Santarius gehen in ihrem Buch der Frage nach, welche Effekte wir von der Digitalisierung auf eine (möglichst) nachhaltige Wirtschaft und auf Verteilungsgerechtigkeit erwarten können. Hierfür ziehen die Autoren Hunderte von Studien heran. Die beiden Autoren helfen damit enorm, die Debatte zur Digitalisierung zu versachlichen und die Vielfalt an Utopien und Schreckensszenarien auf einen empirisch begründeten Möglichkeitenraum zu begrenzen.

“SMARTE GRÜNE WELT. Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“ von Steffen Lange und Tilman Santarius (Oekom Verlag, 200 Seiten, 15 Euro).

Im Verlauf der Lektüre wird dabei die Hoffnung des ein oder der anderen zerplatzen, dass digitale Technologie quasi ganz von selbst Menschheitsprobleme wie den Klimawandel oder Armut lösen würden. Dabei analysieren die Autoren Santarius und Lange eine Vielzahl von Lebensbereichen und Industrien, beschreiben die Auswirkungen von Digitalisierung, quantifizieren diese und machen dabei die Annahmen und Rahmenbedingungen vollständig transparent. Die die Autoren untersuchen und diskutieren etwa folgende Fragen: Führt zu Zustellung von Paketen (beim Online-Shopping) zu einer Reduktion des Verkehrsaufkommens (im Vergleich zu einzelnen Einkaufsfahrten mit dem privaten PKW), und zwar unter welchen Bedingungen? Ab wann ist ein E-Book-Reader als umweltfreundlicher einzustufen als der Kauf von Papierbüchern?

Nehmen wir ein Beispiel. Der „Digital Evangelist“ Karl-Heinz Land schreibt etwa in seinem Buch Erde 5.0 mit dem überschwänglichem Optimismus eine technophilen Utopisten: “Was der Mensch eigenständig nicht schafft, nämlich den Verbrauch nachhaltig zu senken, bewirkt die Dematerialisierung zwangsläufig. Nicht als geplante umwelt- oder wirtschaftspolitische Maßnahme, sondern als unvermeidbare, zwingende, sozusagen selbsttätige Folge der Digitalisierung.“ (S. 85).. Und dann rechnet der Autor Karl-Heinz Land für das Szenario von Robo-Taxis vor, also dem Szenario einer maximalen De-Materialisierung des Verkehrssektors: „Statt über 61 Millionen Pkw befänden sich nur noch knapp über zwei Millionen Wagen auf Deutschlands Straßen.“ (S. 95).

Das klingt zunächst plausibel. Wie blicken nun die Autoren von Smarte Grüne Welt auf dieses Szenario? – „Studien schätzen, dass der Autobestand bei flächendeckender Einführung [von Robo-Taxis] um 70 bis 90 Prozent sinken könnte. Auf der anderen Seite zeigen die gleichen Studien, dass das Verkehrsaufkommen trotzdem um 20 bis 40 Prozent steigen könnte. Dies liegt zum einen daran, dass vermehrt Leerfahrten stattfinden; aber auch daran, dass der Verkehrsfluss aufgrund der vernetzten Fahrzeuge verbessert, Staus vermieden und das Autofahren damit attraktiver würde. Hinzu kommt das Risiko, dass selbstfahrende Autos dem ÖPNV sowie dem Verkehr mit dem Fahrrad oder zu Fuß starke Konkurrenz machen könnten.“ (S. 73). Die Autoren stellen auch nüchtern fest: “Das Herunterladen von E-Books statt der Fahrt zur Buchhandlung, das Streaming von Filmen statt Kaufen und Leihen von DVDs, Onlineshopping statt Einkaufen mit dem privaten PKW, Skypen und Videokonferenz sowie Telearbeit im Job – dies alles findet längst statt und hätte daher in den vergangenen Jahren doch bereits zu einer gewissen Verringerung des Verkehrsaufkommens beitragen müssen. Doch weder in Deutschland noch anderswo ist das Verkehrsaufkommen gesunken, sondern immer weiter angestiegen.“ (S. 64 f.)

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass die Autoren außerdem einen nicht-verzichtbaren Beitrag zu einem Aufbau der erneuerbaren Energieversorgung leisten können, denn die Komplexität von sogenannten Smart Grids lässt sich ohne Digitalisierung nicht bewältigen.

Die Autoren machen ebenfalls klar, dass es nicht nur den einen Digitalisierungspfad gibt. Digitalisierung lässt sich gestalten (eine Forderung, die wir in ähnlicher Form von anderen Teilnehmern am Diskurs über Digitalisierung kennen, beispielsweise von Richard David Precht). Und darum beschränken sich die Autoren in ihrem Buch nicht auf die Analyse. Sie formulieren dedizierte Prinzipien für die Ausgestaltung einer zukunftsfähigen Digitalisierung und entwerfen eine Agenda für die vernetzte Gesellschaft. Darin finden sich Empfehlungen für die Politik, aber auch für die Nutzer*innen.

Ein wirklich gutes Buch. Einfach zu lesen. Überzeugend.

Sebastian Zang
Author

Der Gastautor Sebastian Zang schreibt als Blogger auf dem Infoportal für Digital Movers und Makers bytesforbusiness.com. Er begleitet und berät Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung einer Digital Roadmap, er setzt mit seinen Projektteams Softwareprojekte im Bereich Cloud, Mobile, KI/ML und Desktop um. Er ist zudem Keynote Speaker rund um Digitale Transformation.