Schnell sind wichtige Ereignisse vergessen oder aus politischen Gründen umgeschrieben. Da können dokumentarische Filme helfen.

Wann war nochmal der Reaktorunfall von Tschernobyl? Und was ist damals eigentlich passiert und warum? Gut, Tschernobyl war 1986 und das ist ewig her. Viele werden sich auch nicht mehr an Chemiekatastrophen wie im indischen Bhopal 1984 mit fast 4000 Toten erinnern oder an Seveso in Italien, also gerade mal vor unserer Haustüre. Die Ölkatastrophe auf der Ölplattform Deep Water Horizon liegt gerade einmal zehn Jahre zurück, das zumindest sollte für viele noch frisch in der Erinnerung sein. Und Fukushima war gerade mal ein Jahr später. Dies jedoch bleibt uns wahrscheinlich lange in Erinnerung, schon allein deshalb, weil es das Signal für den Ausstieg aus der Kernkraft in Deutschland war. Von einigen der genannten Katastrophen gibt es Verfilmungen von durchaus beachtlicher Qualität und einer beklemmenden Nähe zum tatsächlichen Geschehen.

Als eine erste ernsthafte Auseinandersetzung mit den Gefahren der Kernenergie lässt sich der Hollywood-Spielfilm Das China Syndrom aus dem Jahr 1979 sehen. Die Starbesetzung mit Jane Fonda, Jack Lemmon und Michael Douglas verspricht gute Unterhaltung, aber der Film steht für mehr: Er ist der Versuch, das Unfassbare in eine verdauliche Form zu verpacken. Wer jedoch meint, ein Schauspieler wie Jack Lemmon könne den verstörenden Folgen einer Nuklearkatastrophe die Spitze nehmen und sie erträglich darstellen, der irrt. Der Film geht unter die Haut, auch wenn Jane Fondas Haarpracht immer wieder in die Kamera gerückt wird oder die drei Hauptfiguren innerhalb weniger Stunden erstaunlich schnell zu mutigen Rebellen mutieren. Dass der Filmstart über einen Störfall in dem fiktiven kalifornischen Kernkraftwerk „Ventana“ dann mit dem bis dahin größten Reaktorunfall der USA im Kernkraftwerk Three Mile Island zusammenfiel, das gehört zur Ironie der Geschichte.

Aber selbst aus einer zeitlichen Distanz von gut 40 Jahren verwendet der Film viele Elemente, die in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, in Tschernobyl, wiederkehren: „Ganz ruhig!!“ ist so ein typischer Satz. Und statt Whisky in Kalifornien wird in Weißrussland eben Wodka getrunken, der allerdings sehr reichlich und nicht nur von den Bossen. In Kalifornien stehen eher Geld und soziale Anerkennung auf dem Spiel, in Tschernobyl geht es um mehr: Bei Versagen droht vielleicht ein Leben in einem Gulag oder noch Schlimmeres. Der Filmtitel „Das China Syndrom“ beschreibt im Übrigen die Gefahr, dass eine Kernschmelze, die das Grundwasser erreicht, als der GAU gesehen wird: Ein Durchschmelzen bis nach China ist dabei der gemeint, im Film etwas unscharf als Antipode von Kalifornien gesehen.

Für alle, die vergessen haben oder sich nicht mehr vorstellen können, dass um ein Haar weite Teile Europas für Jahrhunderte nicht mehr bewohnbar gewesen wären, gibt es eine preisgekrönte Serienverfilmung. Die gerade mal fünfteilige Miniserie Chernobyl erzählt von der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986. Den Wodkakonsum habe ich schon erwähnt, in diesem Film ist er allerdings das Synonym des Verdrängens: Viele Situationen wären für die Menschen wohl anders gar nicht erträglich gewesen, denn viele wussten, dass sie zum Opfer werden. Für die Menschen etwa, die das Dach in einer 90-Sekunden-Schicht räumten oder die Kohlekumpel, die unter dem Reaktor einen Tunnel gruben, um ein Durchschmelzen zu verhindern.

Der Film stellt den führenden Kernphysiker Valery Legassov ins Zentrum, der als einer der ersten an der Unglücksstelle eintraf, um sich einen Überblick über das Ausmaß des Unglücks zu verschaffen. Er bekommt vom damaligen Generalsekretär Gorbatschow die Verantwortung für die Reaktion auf das Unglück übertragen, und zahlt dafür mit seinem Leben. Der Film ist spannender und überzeugender als alles, was ich an Aktionfilmen gesehen habe. Neben ihm verblassen Reihen wie „Stirb langsam“, die Bourne-Reihe, Filme wie „Terminator“ und all die Italo-Western früherer Jahre. Sie können weder mit Spannung noch mit dem Realismus dagegenhalten. Die Zuschauer wissen ja auch, dass das ganz nah an der Wirklichkeit ist, die Handlung ist kein Fake, der Film hält sich sehr eng an reale Gegebenheiten.

In den Hauptrollen sind Stellan Skarsgård, Emily Watson und Jared Harris zu sehen. Die bisher wichtigste Auszeichnung für die Serie war der Golden Globe, den Chernobyl 2020 in der Kategorie Beste Miniserie oder Fernsehfilm erhielt.
Auch schon im Film „Das China Syndrom“ waren Inkompetenz, Lügen, Fahrlässigkeit und Fehlinformationen bestimmend. In Chernobyl wird dies noch greifbarer. Der „Held“ Legassow formuliert bei einer Anhörung in einem Anflug von verzweifeltem Mut zur Wahrheit den Satz „Wenn die Wahrheit uns missfällt, dann lügen und lügen wir so lange, bis wir nicht mehr wissen, was wahr ist. Doch sie verschwindet nicht!“. Damit war er nicht nur im Film erledigt, und so beginnt diese Serie in einer Rückblende mit seinem Selbstmord, auch dieser ist real.

Im Abspann der Serie wird angegeben; Offiziell 31 Tote, in Wahrheit 93000. Die russische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch hat im Jahr 2013 für ihre Buch zu Tschernobyl mit dem Titel „Eine Chronik der Zukunft“ den Deutschen Friedenspreis und 2015 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Sie lässt sich als Zeugin dieser Serie lesen, wenn die Leserinnen und Leser diese Reportagen überhaupt ertragen. Hier eine geradezu softe Textpassage von einer Mutter, deren Mann als Feuerwehrmann in Tschernobyl an der Verstrahlung gestorben war: „Das Kind kam zwei Wochen zu früh. Sie zeigten es mir … ein Mädchen … `Nataschenka´ rief ich. ´Papa wollte, dass du Nataschenka heißt.´ Äußerlich ein gesundes Kind, Händchen, Füßchen … Aber sie hatte eine Leberzirrhose … in der Leber waren 28 Röntgen … Ein angeborener Herzfehler … Vier Stunden später teilte man mir mit, dass das Kind gestorben sei.“

Nun ein Sprung in einer andere Welt: In eine völlig andere Kategorie gehört der Film Deep water horizon, und um es gleich vorweg zu nehmen: Der Film beschreibt die Explosion der titelgebenden Ölplattform, die am 20. April 2010 in Flammen aufging und zwei Tage später im Meer versank. Elf Arbeiter kamen dabei ums Leben. Und genau darum geht es in diesem Film, er ist ein kurzweiliger, gut geölter und angenehm flüssig anzusehender Action-Kracher mit bekannten Schauspielern wie Mark Wahlberg, Kurt Russell und anderen. Dass der Deepwater-Horizon-Vorfall vor allem auch eine gigantische Umweltkatastrophe ist, das findet im Film selbst kaum Erwähnung. Die Katastrophe wird weitestgehend auf die Explosion der „Deepwater Horizon“ reduziert. Die Auswirkungen der Katastrophe waren noch mehrere Jahre später spürbar. Bis heute ist unklar, wie stark der Lebensraum im Golf von Mexiko tatsächlich beschädigt wurde.

Es gibt auch in diesem Film Bösewichte, aber anders als in den beiden vorhergehenden gibt es keine Durchleuchtung oder wenigstens eine Andeutung der systemischen Hintergründe. Dass es schließlich eine über 225.000 Quadratkilometer große Sperrzone für die Fischerei gab und welche Auswirkungen dies auf die Menschen für ihre wirtschaftliche Existenz hatte, das ist kein Thema des Films. Es ist inhaltsleere Action, sonst nichts.

Das gerade beschlossene Kohleausstiegsgesetz scheint auf den ersten Blick wenig mit den hier genannten Katastrophen und ihren Ursachen gemein zu haben. Aber die 130 Millionen Tonnen CO2, die nun zusätzlich die Atmosphäre belasten sollen, sind völlig unverantwortlich. Viel Information dazu liefert die Sendung von Monitor am 9. 7. 2020

https://www.youtube.com/watch?v=AsYeccESQ7o
ab 11:40 Min. Hier auf einem Screenshot die Fakten.

 

Vergleichen sie dazu auch meinen Beitrag https://erde2100.de/wie-weit-kommen-wir-mit-unserem-co2-budget/

Und so kann ich Anfang Juli 2020, wenige Tage nach dem Beschluss der Bundesregierung, der so gut wie alle Klimafakten ignoriert und zudem den mühsam ausgehandelten Kohlekompromiss unverblümt unterläuft, nur noch einmal den Satz von Legassow zitieren:

„Wenn die Wahrheit uns missfällt, dann lügen und lügen wir so lange, bis wir nicht mehr wissen, was wahr ist. Doch sie verschwindet nicht!“

 

 

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.