Schaurig-faszinierend ist es zu sehen, wie schnell der Wald auf die Erderhitzung reagiert.

„Die Rhön ist von Natur aus ein Buchenwaldgebiet“, das ist ein Satz, der mit einer großen Selbstverständlichkeit seit Menschengedenken wiederholt wird. Allerdings: „von Natur aus“ suggeriert, das sei schon immer so gewesen. Nun, für unsere kurze menschliche Lebensspanne stimmt das, es stimmt sogar schon seit mehreren tausend Jahren. Da wir in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Augenzeuge werden können, wie schnell das gehen kann, lohnt ein Blick zurück. Er zeigt, dass sich der Wald Mitteleuropas und die Zusammensetzung der Baumarten schon immer verändert haben – wenngleich nicht in dem Tempo, wie das gerade passiert.
Mitteleuropa war am Ende der letzten Eiszeit waldfrei, ein paar Birken und Kiefern konnten sich in lokalen Steppengebieten vielleicht halten. Als sich dann vor 11000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit die Eispanzer langsam zurückzogen, begannen die Wälder von Süden aus in die baumlosen Steppen zurückzuwandern. Die Pollenanalyse zeigt uns, wie diese Phasen der Rückwanderung ablief. Die Pollen enthüllen auch, welche Baumarten zu den jeweiligen Zeitabschnitten dominierten. Die Waldbedeckung nahm kontinuierlich zu, bis unser Kontinent vor rund 6.000 Jahren schließlich zu 80 Prozent aus Wald bestand. Ein Eichhörnchen hätte sich von Lissabon bis Moskau von Wipfel zu Wipfel schwingen können, ohne einmal den Boden berühren zu müssen.

Es waren nicht immer die gleichen Baumarten, die Europa bedeckten. Als das Klima feuchter wurde, kamen Rotbuche, Hainbuche und die Weißtanne wieder zurück. In der Eisenzeit ab 1000 v. Chr. etwa verdrängte die Buche die Eiche auf fast allen Standorten. Begünstigt durch das humide, ozeanische Klima in Mitteleuropa und ihrer Fähigkeit, auch noch im hohen Alter entsprechenden Lebensraum einzunehmen, wurde die Buche zur dominierenden Baumart – in weiten Teilen Deutschlands. Vgl. Bild

Quelle: http://www.weltnaturerbe-buchenwaelder.de/die-buchenwaelder-europas.html

Unter dem Einfluss der Erderhitzung ändern sich nun die Bedingungen für den Wald atemberaubend schnell. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Vegetationsperiode z. B. in der Rhön um etwa einen Monat verlängert. Toll, sagen wir, ein früher Frühling, mehr Sonne und Wärme, die an einen Urlaub in Italien erinnern, der goldene Oktober fällt nun in den November! Weiter so!

Aber was heißt das für die Welt um uns herum, für den Wald insbesondere? Pflanzen brauchen Wasser zum Wachsen, und wenn sich die Wachstumsphase verlängert, so saugen Bäume, Büsche und Gräser mehr Wasser aus dem Boden als bisher. Da aber die Regenfälle z. B. in Unterfranken eher ab- als zunehmen, trifft der steigende Wasserbedarf auf ein immer knapperes Angebot. Für viele Pflanzen reicht dann das Wasser nicht mehr. Was ist dann mit unseren Wäldern? Nirgendwo in Bayern gibt so viele verschiedene Buchenwaldtypen wie in der Rhön, und das soll es bald nicht mehr oder nur noch an wenigen Standorten geben?

Quelle: Ingo Queck, Buchenwald im Frühling

Die Graphik zeigt die Wasserbilanz für den Landkreis Bad Kissingen. Sie macht die Ursache dieses Wandels unmissverständlich deutlich: Gut zu erkennen sind die trockenen Jahre 2003, 2015 und 2018, die den Wäldern stark zusetzten. In diesen Jahren war das Wasserdefizit schon groß.

Quelle: Dr. Christian Zang, TUM: Zeitliche Entwicklung (in mm/Jahr) der mittleren klimatischen Wasserbilanz (Differenz Niederschlag und potentielle Evapotranspiration) für den Zeitraum 1991 bis 2019 für den Landkreis Bad Kissingen (schwarze Linie), linearer Trend (rote Linie, p < 0,01, R^2 = 0,29). Datenquellen: DWD Climate Data Center (CDC): Monatliche Raster der Summe der potentiellen Evapotranspiration über Gras, Version 0.x, 14.10.2020, DWD Climate Data Center (CDC), Raster der Monatssumme der Niederschlagshöhe für Deutschland, Version v1.0.

Und ausgerechnet die Buchen, die für viele Forstleute lange Zeit ein Hoffnungsträger waren, haben im letzten Jahr schon deutlich reagiert: Sie sterben! Die Buche ist deutlich klimasensitiver als angenommen.

Quelle: Ingo Queck: Abgestorbene Buchen

Sie sterben in einem Tempo, das sich viele noch nicht so recht vorstellen können, am wenigsten die vor Ort lebenden Menschen. Im Sommer 2019 war dies vereinzelt in vielen Teilen im trockenen Unterfranken der Fall. In diesem Jahr 2020 traf es auch Buchen in der Rhön, die mit Wasser vergleichsweise gut versorgt ist. Aber die trockenen Jahre haben die Fähigkeit der Buche zur Regeneration erschöpft, der Temperaturanstieg um jetzt schon 1,5 Grad in der Rhön kommt hinzu. Das Bild zeigt sterbende Buchen im Sommer 2020 an einem Nordhang in der bayerischen Rhön.

Sind das Ausnahmejahre? Viele möchten das glauben, aber der Trend zu einem deutlich schnelleren Temperaturanstieg als zum Zeitpunkt des Pariser Klimaschutzabkommens 2015 gedacht, ist nicht zu übersehen. „Schaurig-faszinierend“ ist eine der Beschreibungen, mit denen Forscher das Tempo der Veränderungen kommentieren. „Wir haben offensichtlich einen „ökologischen Kipp-Punkt“ erreicht, an dem Buchen-dominierte Wälder in Eichen-dominierte Wälder übergehen.“, so die Beschreibung von Forschungsgruppen der Universität Göttingen und der Transilvania University of Braşov. Deren mikroklimatische Messungen können sehr genau abbilden, dass es wirklich einen Kipp-Punkt gibt, an dem die Eigenschaften Buchen-dominierter Wälder durch Rückkopplungen abrupt abbrechen, die Richtung wechseln und beschleunigt werden. „Hier wird der trade off zwischen den artspezifischen Erfolgsstrategien der Buche und der Eiche wirksam.“, schreiben sie.


Quelle: Ingo Queck

Die außergewöhnliche Schattentoleranz der Buche – für Forstleute eine Binsenweisheit – lässt sich nur durch verringerte Stresstoleranz erreichen. Wird der Trockenstress jedoch zu groß, wird die stresstolerantere, aber weniger schattentolerante Eiche zum zentralen Akteur. Das Erfolgsmodell kehrt sich also um.
Diese Fakten sollten die Verantwortlichen für die Bewirtschaftung unserer Wälder in Alarmstimmung versetzen: Wenn der intrinsische Beschattungs- und Kühlungseffekt im Buchenwald nicht mehr funktioniert, geht alles schnell, so die Ergebnisse der Forscher: Die durchschnittliche tägliche Erwärmung im Eichenwald gegenüber dem Buchenwald ist um 1,67mal größer als durchschnittliche Erwärmung selbst; bei täglichen Maxima betrug sie sogar das 2,4fache der eigentlichen durchschnittlichen Temperaturzunahme. Das heißt, der Stress – hier v.a. die Temperaturextreme – nehmen überproportional zu und die Stresstoleranz gewinnt dann als selektiver Faktor gegenüber der Schattentoleranz. Anders ausgedrückt: Relativ geringe äußere Einflüsse reichen, um das System durch die Wirksamkeit verstärkender innerer Effekte in einen neuen Zustand zu versetzen.
Durch das Aufreißen der Kronenschicht wird das Bestandsinnenklima ungünstig beeinflusst, denn wenn die Sonnenstrahlen den Waldboden erreichen kann, wird es warm im Wald. Aber immer noch ist die Holzgewinnung das wichtigste Ziel auf einem überwiegenden Teil der Waldfläche – unter Vernachlässigung anderer Waldfunktionen wie etwa in seiner Funktion als Trinkwasserspeicher oder als CO2-Senke.

Der Wald der Zukunft wird in der Rhön ein anderer werden, so wie er sich in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder dem Klima angepasst hat. Ob wir Menschen dann aber mit einer vielleicht 4 Grad höheren Temperatur noch gut leben können, das ist eine andere Frage.

 

Attachments

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.