Wie wir dabei sind, unser CO2-Budget rücksichtslos zu überziehen.

Ist zur Monatsmitte das Geld einer Familie für den laufenden Monat schon deutlich mehr als zur Hälfte aufgebraucht, dann besteht Handlungsbedarf. Der oder die für die Finanzen Verantwortliche – nehmen wir an, es ist die Frau – wird um ein ernstes Wort an alle Familienmitglieder nicht umhinkommen. Ab jetzt sei erst mal Schluss mit Süßigkeiten, zusätzlichem Spielzeug und teurem Whiskey – und blickt dabei ihren Mann an – und das mit Kino oder mal am Wochenende einen Ausflug machen, das sei auch erst mal gestrichen. Die Kinder sind entgeistert, der Mann schaut betreten zur Seite. Und sie fügt hinzu “Hätten wir gleich am Anfang unser Budget besser im Blick gehabt, so wäre uns die jetzige Situation erspart geblieben. Und außerdem, je länger wir das Sparen hinausschieben, umso hässlicher wird es gegen Ende des Monats werden!“

Was zunächst theoretisch klingt, war in meiner Kindheit, als das Anschreiben beim Metzger den Ruf nicht gerade verbesserte und die Haushalte nicht von günstigen Konsumkrediten überschwemmt wurden, gar nicht so selten. Das Thema scheint auch heute noch aktuell, denn im reichen Deutschland mit fast Vollbeschäftigung sind mehr als 2 Millionen Haushalte und mehr als 4 Millionen Privatpersonen hoch verschuldet. Der Sozialstaat schafft es, diese Thematik mit unterschiedlichen Instrumenten halbwegs in den Griff zu bekommen.

Ein Familienbudget und das CO2-Budget sind vergleichbar. Das CO2-Budget ist die Menge an Kohlendioxid, die wir noch in die Luft blasen können, je nachdem, ob wir das 1,50 – Ziel oder das 20-Ziel erreichen wollen. Leider können wir in diesem Fall weder einen Kredit aufnehmen, anschreiben lassen oder einen Schuldenberater zu Hilfe holen. Auch Deutschland hat nach dem Pariser Klimaschutzabkommens ein CO2-Budget zugewiesen bekommen, das völkerrechtlich verbindlich ist.

In Paris ging es noch um das 20 – Ziel, das wir inzwischen als zu riskant und unkalkulierbar wegen der Folgen einschätzen. Deutschland bekam für die Zeit von 2015 (Pariser Abkommen) bis 2050 ein Budget von 9,9 Mrd. Tonnen CO2 zugewiesen. Daran sollte sich Deutschland sowie jeweils die anderen Länder an ihres halten. Aus gutem Grund, wie dieser Film zeigt. Wenn Sie das Video ablaufen lassen, können Sie eine deutliche Veränderung der Farben von blau nach rot erkennen – und Sie sehen auch, wie sich die Polkappen ungewöhnlich stark erwärmen.

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Wenn das Abkommen nicht eingehalten wird, soll es Geldstrafen geben. Laut den EU-Regularien (AEA) müssen dann Emissionsrechte von Ländern, die ihre Vorgaben übererfüllen, erworben werden. Zur Höhe dieser Strafen nur so viel: Deutschland drohten bis 2019 schon Strafen wegen Nichteinhaltung in Höhe von 2 Mrd. Euro. Wegen der Corona-Pandemie könnten wir ohne Strafe davonkommen, da Sektoren wie der Verkehr oder die Industrie stark reduziert wurden. Aber über das Jahr 2020 hinaus gilt: Wäre Deutschland ein wie oben beschriebener Haushalt, so müsste der Gürtel für die kommenden 30 Jahre sehr, sehr eng geschnürt werden. Wir haben viel zu wenig vorgesorgt, also Einsparmaßnahmen getroffen. Schon 2019 hatten wir mit etwas mehr als 800 Mill. Tonnen CO2 unser Budget überzogen. Allerdings wäre das Ergebnis deutlich schlechter ausgefallen, wenn dieses Jahr nicht ein sehr ergiebiges Jahr für Sonne und Wind gewesen wäre: Etwa 46% unseres Stroms haben wir 2019 mit Erneuerbaren Energien erzeugt. Der Stromsektor ist allerdings nur eine und bei weitem nicht die größte von vielen CO2-Quellen, das sollten wir nicht vergessen!

In der Grafik ist deutlich zu sehen, was auch für den Normalhaushalt gilt: Je später wir mit dem Sparen anfangen, umso schärfer sind die notwendigen Einschnitte: Die Kurve geht dann steiler nach unten, das heißt härterer Sparkurs. Ja, wir können unser Budget gar nicht mehr bis 2050 strecken, wir müssen wegen unserer Tatenlosigkeit schon 2035 oder 2040 bei null Emission angekommen sein. Für einen normalen Haushalt hieße das: Ab dem 20. oder 25. des Monats kann kein Geld mehr ausgegeben werden! Die Zahlen bezeichnen übrigens das weltweit zur Verfügung stehende CO2-Budget und es ist gut nachvollziehbar, dass die Kurve steiler werden muss, weil die 800 Gigatonnen (= 800.000.000 Tonnen) nicht verhandelbar sind.

Allerdings ist das noch die mildere Variante aus dem Jahr 2015 in Paris. Der Weltklimarat IPCC gibt nunmehr das globale CO2-Restbudget in seinem 2018er Sonderbericht mit 420 Gigatonnen an. Nur dann kann das 1,5-Grad-Ziel (bezüglich der mittleren globalen Oberflächentemperatur) mit 66 % Wahrscheinlichkeit erreicht werden. Bliebe der jetzige Ausstoß von über 40 GT CO2 pro Jahr gleich, so wäre dieses Budget in neun bis zehn Jahren aufgebraucht. Für Deutschland gilt, dass nach diesen Vorgaben Anfang 2019 noch 7,3 Gigatonnen zur Verfügung stehen. Diese Zahlen stammen von dem renommierten Klimaforscher Stefan Rahmsdorf vom PIK (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung). Da Deutschland etwas mehr als 0,8 GT CO2 emittiert, stünden bei gleichen Emissionen noch 7,3 : 0,8 Jahre = 9,1 Jahre zur Verfügung. Von dieser Rechnung anscheinend völlig unberührt, beschloss die Bundesregierung 2019 ihre Klimaschutzpläne mit der Perspektive, dass Deutschland bereits bis zum Jahr 2030 rund 7,5 Gt (= 7,5 Mrd. Tonnen) Kohlendioxid freisetzen wird. Um aktuell die Restzeit für diese Situation vor Augen zu haben, können Sie mit dem folgenden Link die CO2-Uhr aktivieren.

Mit offenen Augen die Zukunft aufs Spiel setzen, wie sollen wir das einmal unseren Kindern und Enkeln erklären?

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.