Wie die Anverwandlung der Welt beginnt und wie die Welt verstummen kann.

Die ersten Bücher, die Babys gezeigt und vorgelesen werden, handeln von Kühen, Pferden, Schweinen, Löwen, Elefanten, Schmetterlingen; Tieren eben, die interessante Laute von sich geben und wahlweise kuschelig oder gefährlich aussehen. Eltern und Großeltern können dann beim Vorlesen und Hindeuten mit viel Freude grunzen, trompeten, wiehern, brüllen und all die Laute äußern, die ihre Stimmbänder oder ihre Lungen hergeben. Erwachsene imitieren watschelnde Enten und erfinden Pantomimen. Dass es schon lange nicht mehr die Bauernhöfe aus den Kinderbüchern gibt, dass die armen Schweine in Fleischfabriken leben, das spielt keine Rolle. Dafür können die Kinder einen Tierpark besuchen, in dem sie tatsächlich auch mal ein Schaf streicheln können oder einen Esel I-A schreien hören. Dieses Zeigen, Erzählen und Imitieren ist der Anfang einer wunderbaren Reise in die Vielfalt der Welt, der Beginn der Anverwandlung der Welt.

Es gibt ein Kindergedicht von Josef Guggenmos, das auf den ersten Blick ganz zeitvergessen und banal daherkommt. Die erste Strophe lautet:

Wenn mein Vater mit mir geht,
dann hat alles einen Namen.
Vogel, Falter, Baum und Blume,
wenn mein Vater mit mir geht,
ist die Erde nicht mehr stumm.

Natürlich sieht man dem Gedicht seine Zeit an, der Vater im Gedicht muss wohl ein Naturliebhaber mit einigen Kenntnissen gewesen sein. Wenn wir statt Vater noch Mutter, Großmutter und Großvater bis hin zu Onkel, Tante, Lehrer*in oder hinzufügen, wird das Prinzip deutlich. Für Josef Guggenmos müssen wir noch den Pfarrer hinzufügen, denn tatsächlich war es der Pfarrer, der ihm einen entscheidenden Teil der Welt nahebrachte. Und wenn wir dann noch das Quartett Vogel, Falter, Baum und Blume durch die Abertausend Themen ersetzen, die es auf der Welt gibt, dann ist das Gedicht ein Programm zur Erschließung der Welt. Ja deutlicher noch! Es zeigt, wie es gelingen kann, die Welt zum Sprechen zu bringen, etwas, das Voraussetzung dafür ist, überhaupt etwas mit sich und der Welt anfangen zu können.

Der Soziologe und Schriftsteller Hartmut Rosa nennt diese Fähigkeit Resonanzsensibilität, die Fähigkeit zu erfahren, dass die Welt tatsächlich zu uns spricht. Zu Beginn des Lebens ist es die Sprache der Natur, die offensichtlich die wichtigste Rolle spielt. Und wenn Tiere und Pflanzen auch im späteren Leben eine gewissen Bedeutung haben, dann ist das ein Geschenk, das immer präsent und außerdem kostenlos ist.

Woran merken wir, dass der Frühling kommt? Ja, es wird wärmer, die Tage werden länger, wir können draußen sitzen, die Wiesen werden bunt, der Wald wird grün. War´s das schon? Oder spielt es eine Rolle, ob wir bemerken, wann wir zum ersten Mal im Frühjahr am frühen Morgen eine Singdrossel oder den Zilpzalp gehört haben, wann wir die ersten Schwalben sehen oder den markanten Schrei der Mauersegler über den Dächern vernehmen? Ist es bereichernd, wenn wir beim Spaziergang erkennen, dass nicht alles, was gelb blüht, Löwenzahn, sondern Scharbockskraut, scharfer Hahnenfuß, Anemone oder Schlüsselblume ist? Was bedeutet es, den Aurorafalter zu kennen? Es ist nicht nur beglückend, es ist mehr: er ist ein Bote, der uns mitteilt, womit bald die Wiesen bedeckt sein werden, mit Wiesenschaumkraut nämlich, die Futterpflanze der Raupen. Ist der Geruch der Linden nicht betörend und beglückend zugleich, wenn er plötzlich in einer Straße wie eine Woge auf uns zukommt? Ja, wir fühlen unser In-der-Welt-Sein, wenn unsere Umgebung nicht stumm ist.

Die Fähigkeit zur Resonanz ist mehr als ein Geschenk, sie ist eine Form von Kapital, so wie Geld, Wissen und Beziehungen für den Soziologen Pierre Bourdieu Kapitalformen sind. Im Elternhaus, in den Kitas und in den Klassenzimmern entscheidet sich, ob und welche Resonanzsensibilitäten ein junger Mensch ausbildet. Durch die Lebensgeschichte entsteht so etwas wie eine Landkarte mit Gegenden gut entwickelter Sensibilität, eher grauen und auch ganz weißen Flecken. Es gibt eben auch Vieles, was uns nichts sagt, und es gibt noch viel mehr, das einfach an der Oberfläche bleibt. Die einen können mit Jazz etwas anfangen, die andern eher mit Opern, es gibt tatsächlich Menschen, die studieren mit Begeisterung mathematische Beweise, andere kochen gut und gerne, viele Menschen haben gelernt, Literatur zu genießen usw. Wir sehen an diesen Beispielen einmal, dass der Erwerb dieser Kapitalform viel mit Bildung zu tun hat. Sie hat aber noch mehr mit Anstrengungsbereitschaft und Geduld zu tun. Ein Instrument halbwegs zu beherrschen etwa, das setzt diese Eigenschaften voraus. Zwei Aspekte finde ich in diesem Zusammenhang interessant:

Bei der ersten geht es um die Lifetime-Tauglichkeit einer Fähigkeit, die diesen lebendigen Draht zwischen uns und der Welt ermöglicht. Was bleibt uns bei einem Shutdown wie bei Corona? Wäre es da nicht gut zu wissen, was wir mit uns anfangen können? Gut kochen ist eine Möglichkeit, Musik machen, Lesen, Malen, mit botanisch geschultem Blick durch die Wiesen und Wälder streifen, auf dem Fahrrad den Kreislauf in Schwung bringen… Fernsehen gehört eher nicht in diese Kategorie. Spätestens jetzt zeigt sich, wie gut die Kita ist, die unsere Kinder besuchen: Haben sie die Fähigkeit und ein Rollenrepertoire, sich in ein Spiel zu vertiefen, besitzen sie die Ausdauer, an einem Projekt, egal ob Malen, Basteln …dranzubleiben? Machen sie mit beim Kochen, sind sie geduldig genug, Kartoffeln zu schälen, einen Pizzateig auszurollen und sich so als Mitglied einer Gemeinschaft zu erfahren? Weder Ausdauer noch Geschick und die daraus entstehenden Erfolgserlebnisse und Selbstwirksamkeitserfahrungen sind selbstverständlich, auch für Erwachsene nicht. Wenn diese sich beispielsweise darauf freuen, jede Woche die Neue Post zu lesen, so gibt das zu denken: Dieses Magazin wirbt mit dem Spruch: Neue Post gelesen, dabei gewesen. Gekaufte Erlebnisse und Emotionen sind wohl eher frustrierend als erfüllend, aber ja, so geht das Leben auch vorbei.

Wir können von der Welt nicht genug bekommen, das ist das zweite Thema, das zu diskutieren ist. Wir möchten möglichst häufig Resonanz erfahren: berührende Gespräche, eine erfüllende, unsere Kreativität weckende Arbeit, interessante Menschen, belebende Erfahrungen, neue Länder… Hartmut Rosa wählt dazu das Bild der Reichweite, je mehr Welt in unserer Reichweite liegt, umso besser, denken wir. Davon erzählen unsere Reisen und all die Konsumgüter, mit deren Hilfe wir diese Reichweite vergrößern wollen. Wer privilegiert ist, über viel Zeit, Geld und Kenntnisse verfügt, dessen Reichweite ist natürlich vergleichsweise groß. Aber trotzdem stoßen Menschen unter dem Diktat der Reichweitenvergrößerung an ihre psychischen Grenzen. Eine Vermehrung der Resonanzwelten über ein gewisses Maß ist nur um den Preis der Verflachung der gesuchten Erfahrungen zu haben.
Von dem Versprechen „echter“ Erfahrungen leben viele Industriezweige, die so gut wie alle Ressourcen zu Resonanzwelten gemacht haben: Von den Stränden der Algarve bis zu den letzten Urwäldern der Erde, von Surfspots in Costa Rica bis zum Wandern am Annapurna in Nepal, von Weinproben in der Toscana…, es ist kein Ende in Sicht, wie uns das Buch 1000 Places To See Before You Die so vielversprechend wie frustrierend vor Augen führt. Bücher wie 1000 Wines To Drink Before You Die usw. warten noch auf ihre Veröffentlichung.
So kann Resonanzsuche durchaus in eine Erfahrungswüste führen, die noch so nebenbei den Planeten plündert. Wenn dann die Welt immer stummer wird, dann gehen wir ins Kloster.

Franz Zang
Author

Der Autor Franz Zang war 40 Jahre Lehrer für Mathematik, Sport und Ethik an einem Gymnasium. Er ist seit vielen Jahren im Naturschutz engagiert und seit 2012 Vorsitzender des BUND Naturschutz der Kreisgruppe Bad Kissingen im Biosphärenreservat Rhön. Er ist Beirat des BUND Naturschutz in Bayern e. V. und Bundesdelegierter.